WATTWIL: Leichen im Materialraum

Im Zuge der Umbauarbeiten am Spital Wattwil wurde kürzlich der Kühlraum für die Verstorbenen abgerissen. Provisorisch werden die Leichen nun am Ende einer Bettenstation im Materialraum aufbewahrt.

Lara Abderhalden, Fm1 Today
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Der Umbau des Spitals Wattwil schreitet voran. Der Neubau ist in absehbarer Zeit fertig. (Bild: PD)

Der Umbau des Spitals Wattwil schreitet voran. Der Neubau ist in absehbarer Zeit fertig. (Bild: PD)

Bagger, Baumaschine und Beton: Das Spital Wattwil ist im Moment eine grosse Baustelle. Im Zuge der Gesamterneuerung wurde ein ganzer Trakt abgerissen und an dessen Stelle wird eine neue Bettenstation gebaut. Voraussichtlich im März soll die neue Bettenstation bezogen werden können. Mit dem Bau läuft alles optimal: Die Station kann ein halbes Jahr früher als geplant eröffnen.

Leider trügt aber der Schein. Im Innern der grauen Betonwände läuft nicht ganz alles optimal. Wie eine Angestellte gegenüber dem Onlineportal «FM1 Today» sagt, sei die Leichenhalle mitten auf eine Bettenstation in einen Materialraum verlegt worden.

Ausnahmesituation im Spital

Barbara Anderegg, Leiterin Kommunikation der Spitalregion Fürstenland Toggenburg, bestätigt, dass die Situation im Moment speziell sei: «Grundsätzlich ist bei einem Umbau bei laufendem Betrieb alles speziell. Wir bauen um und gewährleisten gleichzeitig zu 100 Prozent alle unsere Leistungen. Dabei mussten wir einen ganzen Trakt abreissen und in bestehenden Räumlichkeiten Platz schaffen. Auch für den Aufbahrungsraum mussten wir vorübergehend ­einen Ersatz finden. Dieser ist aber nur ein Teil von ganz vielen Bereichen.» Bevor das Gebäude abgerissen wurde, war der Aufbahrungsraum ein sogenannter Kühlkatafalk, also ein gekühlter Raum, in dem die Leichen auch über einen Tag hinaus aufbewahrt werden konnten. Zusätzlich gab es einen separaten Raum für Angehörige in dem sie Abschied nehmen konnten. Mit dem Abriss des Traktes wurden die beiden Räume nun mit abgerissen. «Wir haben deshalb einen Raum am Ende einer Bettenstation umfunktioniert.» Beim Raum handle es sich um einen separaten Raum im Materialraum.

«Verstorbene Menschen werden nicht abgeschoben»

In diesem Zimmer habe es eine Bahre, Sitzgelegenheiten für Angehörige und ein Fenster mit Läden, welche gezogen werden können. Der Raum sei durch zwei Türen vom Gang der Bettenstationen abgetrennt, betont Barbara Anderegg. «Befinden sich Angehörige im Raum, geht dort niemand ein und aus. Die Türen können verschlossen werden und es gibt ein Schild, welches vor die Türe gehängt werden kann. «Man ist nicht ausgestellt, und niemand kann reinschauen. Es ist nicht so, dass bei uns Menschen einfach in eine Abstellkammer geschoben werden. Die Menschen liegen nicht zwischen den Materialen, sondern es ist ein separater Raum, der dezent dekoriert ist», sagt Barbara Anderegg, welche sich den Raum selbst angesehen hat.

Zusammenarbeit mit dem Bestatter

Dennoch ist sich auch Barbara Anderegg bewusst, die Situation ist nicht optimal: «Das Provisorium erfüllt nicht unsere Ansprüche an eine definitive Lösung. Wir mussten relativ schnell eine Lösung finden, da wir mit dem Bau voraus waren.» Früher als geplant musste der Aufbahrungsraum «gezügelt» werden. «Wir hatten keine wahnsinnig grosse Auswahl, einen Ersatz zu finden. Deshalb haben wir Kontakt mit der Gemeinde Wattwil und mit dem Bestatter aufgenommen.» So habe man sich entschlossen, die Verstorbenen zuerst so lange im Patientenzimmer zu lassen, bis sich die Angehörigen verabschiedet haben. Dann würde man Kontakt aufnehmen mit dem Bestatter. «Je nach Wohnort des Verstorbenen wird er dann innerhalb eines halben Tages in die Aufbahrungshallen der Gemeinden transportiert oder, wenn das nicht zeitnah möglich ist, in die Aufbahrungshalle Wattwil.» Das Provisorium in der Bettenstation dient also nur als eine Art «Zwischenstation».

Das ist Barbara Anderegg ein Anliegen: «Die Verstorbenen sind nur für ganz kurze Zeit in diesem Raum. Höchstens einen halben Tag, dann werden sie vom Bestatter abgeholt.» Es könne auch sein, dass jemand, der in der Nacht stirbt, erst am Morgen abgeholt wird.

Angestellte haben sich schwergetan

Reklamationen von Angehörigen hat es bisher noch keine gegeben. Die Angestellten waren jedoch nicht von Anfang an Feuer und Flamme. «Einige Angestellte haben sich schwergetan, weil der Raum auf einer Abteilung ist. Vor allem, dass alles früher als geplant umfunktioniert werden musste, hat viele am Anfang gestört.» Für einige war die Übergangslösung eine schwierige Situation. Das Provisorium bleibt noch sicher bis zum nächsten März. Umfunktioniert wurde der Raum bereits Ende letzten Jahres. Beinahe zehn Monate befinden sich Leichen nun schon im ungekühlten Ersatzraum. Fünf weitere Monate folgen.

Dass der Raum ungekühlt ist, spielt laut Barbara Anderegg keine Rolle: «Die Verstorbenen werden so schnell wie möglich vom Bestatter abgeholt.» Ausserdem werde der Raum nicht jeden Tag gebraucht: «Es ist nicht möglich, eine genaue Zahl zu nennen. Man kann ungefähr davon ausgehen, dass der Raum im Schnitt zwei- bis viermal pro Monat genutzt werden muss.»

Für die Angestellten bleibt es eine gewöhnungsbedürftige Situation. Dennoch sollte es in absehbarer Zeit wieder so werden wie früher: «Im Neubau wird es wieder einen Kühlkatafalk und einen separaten Raum für Angehörige geben.» Der Materialraum wird bald selbst zur Baustelle.