WATTWIL: «Lehrerin war mein Traumberuf»

Regine Birnbaum, die die Kleinklasse in der Grüenau unterrichtet, geht in Pension. Aus familiären Gründen kehrt sie im Herbst nach Deutschland zurück. Sie bricht eine Lanze für die Kleinklassen.

Martin Knoepfel
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Regine Birnbaum hörte mit dem zu Ende gegangenen Schuljahr als Kleinklassenlehrerin in Wattwil auf. (Bild: Martin Knoepfel)

Regine Birnbaum hörte mit dem zu Ende gegangenen Schuljahr als Kleinklassenlehrerin in Wattwil auf. (Bild: Martin Knoepfel)

Martin Knoepfel

martin.knoepfel

@toggenburgmedien.ch

«Als ich in die erste Klasse ging, fragte mich meine Lehrerin, was ich später einmal werden wollte. Ich antwortete ‹Lehrerin›. Das war schon immer mein Traumberuf, sagt Regine Birnbaum. Sie unterrichtet seit 2009 die Kleinklasse im Schulhaus Grüenau in Wattwil. Vorher arbeitete sie im Kinderdörfli Lütisburg.

Die Kleinklasse umfasst Mädchen und Knaben von der 7. bis zur 9. Klasse. Momentan sind es zwölf Jugendliche, die aus elf Ländern stammen. An einer Wand des Schulzimmers hängen Zeichnungen mit den Wappen der elf Länder. In der Regel besteht die Kleinklasse aus 12 bis 15 Knaben und Mädchen.

Regine Birnbaum wurde in Dresden – damals noch DDR – geboren. Sie bildete sich zur Primarlehrerin aus und unterrichtete in einem Dorf nahe Dresden. Später absolvierte sie berufsbegleitend ein Fernstudium in Sonderpäd­agogik an der Berliner Humboldt-Universität. Dann unterrichtete sie in Dresden an einer Schule für verhaltensschwierige Kinder auf der Oberstufe. Seither war sie immer auf dieser Stufe tätig. Ein Wechsel zur Regelklasse war nie ein Thema.

«Ohne ständige Misserfolge lernen»

Regine Birnbaum gibt fast alle Fächer. «Das ist gut so. Die Schüler brauchen eine Bezugsperson. Das gilt für Kleinklassen stärker als für Regelklassen.» Die Herausforderung bestehe darin, den Stoff, den der Lehrplan vorgibt, so aufzuarbeiten, dass die Schüler ihn verstehen. Regine Birnbaum illustriert das mit einem Beispiel aus der Chemie. Da bespricht sie mit den Schülern, wie ein «Töffli» funktioniert und was die Auspuffgase enthalten. Die Schüler der Kleinklassen seien vor allem langsamer als die der Regelklassen, sagt sie. Regine Birnbaum ist auch von der Existenzberechtigung der Kleinklassen überzeugt. «Die Schüler leiden in den Regelklassen, da sie es merken, wenn sie dauernd hinter den anderen zurückbleiben. In einer Kleinklasse können sie ohne ständige Misserfolge lernen und so Selbstvertrauen aufbauen.» Zudem könne man die Kinder individueller fördern.

Nach der 9. Klasse hätten Absolventen der Kleinklassen gute Chancen, eine Lehrstelle für eine zweijährige Attestausbildung (EBA) zu finden, sagt Regine Birnbaum. Mit dem EBA-Abschluss kann man ins zweite Lehrjahr einer Lehre, die zum eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) führt, einsteigen. Regine Birnbaum findet es besonders schön, wenn ehemalige Schüler, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben, im Unterricht vorbeischauen. Das komme öfters vor. «Das zeigt den Jugendlichen, dass die Ausbildung einen Sinn hat und Chancen öffnet.» Gab es grosse Unterschiede in der Sonderpädagogik zwischen der DDR und der Schweiz? Regine Birnbaum verneint und weist darauf hin, dass in der Sonderpädagogik von jeher die DDR Kontakte zum – auch westlichen – Westen gepflegt habe. Man habe zwar andere Begriffe verwendet, aber die Begriffe hätten ohnehin immer wieder gewechselt. Man müsse sich ständig weiterbilden, sagt Regine Birnbaum. Sie habe ihre Ausbildung vor 30 Jahren begonnen, und seither habe sich die Wissenschaft weiterentwickelt.

Im September kommt der Möbelwagen

Regine Birnbaum hat Jahrgang 1951. Sie arbeitete also ein Jahr übers Pensionsalter hinaus, weil die Schule letztes Jahr keine geeignete Nachfolgerin fand. «Ich bin gesund, die Arbeit macht mir Spass, und mit dem Schulpräsidentin war das abgesprochen», sagt die Dresdnerin. 2002, als die Kinder ausgeflogen waren, wechselte Regine Birnbaum in die Schweiz. Der Einstieg sei relativ problemlos gewesen, sagt sie. Im Kinderdörfli sei sie vom Team gut aufgenommen worden. An den Dialekt habe sie sich gewöhnt, und Unterrichtssprache war ohnehin Hochdeutsch. Wenn sie etwas nicht verstanden habe, habe sie nachgefragt.

In die Schweiz sei sie auch wegen der Berge gekommen, sagt Regine Birnbaum. Sie unternehme gerne Bergwanderungen im Toggenburg und im Alpstein sowie Hochtouren im Wallis. Im Winter ist sie auf Schneeschuhen unterwegs. Regine Birnbaum hat auch Freude an Theater- und Konzertbesuchen in Zürich oder St. Gallen. Weiter liest sie viel und schliesslich erfordert der Garten einige Aufmerksamkeit.

Dennoch neigt sich die Zeit im Toggenburg dem Ende zu. Regine Birnbaum und ihr Mann zügeln im September nach Norddeutschland, um den Enkelkindern näher zu sein. Zwei ihrer drei Kinder leben dort. «Die Schweiz ist ein wunderschönes Land, aber man muss sich im Leben entscheiden», sagt Regine Birnbaum und verspricht, für Ferien wiederzukommen.