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WATTWIL: Köhlerabend im "Passerelle"

Das Kino Passerelle lud letzten Freitag zu einem besonderen Abend ein: Robert Müller stellte seinen neusten Film «Köhlernächte» persönlich vor. Auch für das leibliche Wohl der Gäste war gesorgt.
Sascha Erni
Ein alter Bauwagen wurde vom Team des Wattwilers Kino Passerelle kurzerhand in einen Köhlerwagen umfunktioniert. (Bilder: Sascha Erni)

Ein alter Bauwagen wurde vom Team des Wattwilers Kino Passerelle kurzerhand in einen Köhlerwagen umfunktioniert. (Bilder: Sascha Erni)

Es lag ein ungewohnter Duft in der Luft. Das Wattwiler Kino Passerelle hatte am 19. Januar zu einem Autorenabend geladen und passend zum Thema mehrere Finnenkerzen in den Schneeregen gestellt. «Es geht nicht um das Licht, sondern den Geruch», sagte Peter Bötschi, Geschäftsleiter des Kinos. Das Rauchig-Holzige sollte die rund 50 Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Abend einstimmen. Denn auf dem Programm stand «Köhlernächte», der neue Dokumentarfilm des Luzerner Filmemachers und Künstlers Robert Müller. Der Film berichtet aus dem Leben der Entlebucher Köhlerfamilien, zeigt sie auch beim Holzschlag und natürlich der Arbeit mit den Kohlemeilern. «Bild und Ton sieht man im Saal, die Finnenkerzen vervollständigen den Eindruck», so Bötschi.

Bitte keine Nostalgie

Robert Müller, Filmemacher und Künstler. (Bild: Sascha Erni)

Robert Müller, Filmemacher und Künstler. (Bild: Sascha Erni)

Robert Müller führte als Regisseur und Drehbuchautor in den Film ein. Über vier Jahre seien gut 300 Stunden Material zusammengekommen, wir sähen hier das Ergebnis langer Nächte im Schnittraum, lachte er. «Köhlernächte» soll keine Nostalgiegefühle bedienen, nicht ein Damals zeigen. Die Köhlerei sei auch heute noch ein hartes Handwerk. Ihn hätte besonders die Eigenwilligkeit der Köhlerfamilien interessiert. Diese Eigenwilligkeit habe den Film dann auch erst möglich gemacht: «Einen abendfüllenden Dok-Film zu drehen, der nicht langweilt, benötigt interessante Protagonisten.»

Meditation über einen einzigartigen Kulturraum

Tatsächlich rückt Müller in «Köhl­ernächte» die Protagonisten ins Zentrum und verzichtet auf eine geschichtlich-technische Abhandlung. Nur der Vorspann liefert mit Textkarten wenige Hintergrundinformationen. Müller verzichtet auch auf den in vielen Dokumentationen üblichen Sprecher. Der Film hat keine mahnende Erklär-Stimme aus dem Off nötig, er überzeugt alleine durch die Kombination aus Mensch, Bild und Ton. Müller verwebt gekonnt vier Erzählstränge und gibt so diesem speziellen Entlebucher Kulturraum Struktur. Dazu setzt er auf Parallelen und Kontraste in den Leben der einzelnen Protagonisten: Wenn etwa Jungköhler Lukas mit einem seiner ersten kleinen Kohlemeiler Probleme hat, dann steht auch kurz darauf der Altköhler Fränz laut fluchend auf seinem eigenen, riesigen Meiler. War Fränz mal wie Lukas? Oder wird Lukas zu einem Fränz werden? Das scheint der Film zu fragen, und er lässt dabei glücklicherweise die Antwort offen. «Köhlernächte» möchte kein Erklärstück sein, sondern hinterlässt beim Publikum den Eindruck einer meditativen Betrachtung.

Dichte Atmosphäre ohne Moralin

Dass der Film funktioniert, ist vor allem auch der Arbeit von Kameramann Pio Corradi und Komponist Fritz Hauser geschuldet. Hausers grossartige Filmmusik lenkt nie ab, erwächst aus den Geräuschen einer Szene und führt diese Naturtöne mit Orchester und Perkussion weiter. Er meidet den Bombast, aber wenn es dann doch mal lauter wird, hat es seinen guten erzähltechnischen Grund. Corradis Kameraarbeit beeindruckt durch seine ruhige Hand und den Blick fürs Detail. Oft verharrt er lange auf Dingen, die unwichtig scheinen, bis sie plötzlich eine unerwartete Schönheit – oder einen gewitzten Kommentar zur Handlung – zeigen. Neue Musik, kongeniale Kamera – ein Schweizer «Koyaanisqatsi» also? Nein, denn auch wenn «Köhlernächte» eine ähnlich dichte Stimmung wie Reggios Filmklassiker erzeugt, so bleibt Müller doch immer konkret und erzählt die Entlebucher Geschichten, ohne zu moralisieren.

Besondere Filme benötigen ein besonderes Ambiente

Das Kino Passerelle wollte es nicht bei Filmvorführung und Autorenbesuch belassen, sondern sorgte sich auch um das leibliche Wohl des Publikums. Ein alter Bauwagen vor dem Kino diente als «Köhlerwagen» und bot Sitzgelegenheiten für den Genuss von Wein, Bier und besonders der Köhlersuppe, die sich grosser Beliebtheit erfreute. «Wenn wir nichts Besonderes machen, sitzen bei einem solchen Film vielleicht mal fünf, am nächsten Abend noch drei Leute im Saal. ‹Die Köhlernächte› haben aber ein grösseres Publikum verdient» sagte Bötschi, sichtlich erfreut über die vielen Zuschauer in dieser Freitagnacht. «Es war ein schöner Autorenabend. Genau so hätte ich es immer gerne.»

«Köhlernächte» ist seit dem 11. Januar im Kino. Regie und Drehbuch Robert Müller, Kamera Pio Corradi, Musik Fritz Hauser, Schnitt Kathrin Plüss, Produktion Zeitraum Film.

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