WATTWIL: Hohe Ansprüche an sich selbst

Sie singen mit Elan und Begeisterung eindrückliche A-cappella-Musik quer durch die Jahrhunderte: Das Vokalensemble Kantorei Toggenburg verlangt viel von sich selbst – und beglückt sein Publikum regelmässig mit schönen Konzerten.

Peter Küpfer
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Intensive Probenarbeit kurz vor dem Sommerkonzert. Die Sängerinnen und Sänger arbeiten an der Modulation und Interpretation. (Bild: Peter Küpfer)

Intensive Probenarbeit kurz vor dem Sommerkonzert. Die Sängerinnen und Sänger arbeiten an der Modulation und Interpretation. (Bild: Peter Küpfer)

WATTWIL. Im riesigen Saal im Dachgeschoss der Textilfachschule wirken die anwesenden Sängerinnen und Sänger auf den ersten Blick fast etwas verloren. Auch exponiert, denn sie stehen in einer Reihe im fast geschlossenen Kreis um ihren Dirigenten Markus Leimgruber. Nichts für Singende, die sich verstecken wollen. Das können sie nicht, und das wollen sie auch nicht, ganz im Gegenteil. Wenn ihr vierstimmiger A-cappella-Gesang anhebt, füllen sie den Saal mit vollen, fein modulierten Tönen, deren Klangbögen bis in die hintersten Winkel des riesigen Saales reichen. Die Artikulation ist bestens, man versteht jedes gesungene Wort.

Mitschwingen

Manchmal kann man die durch den Chor produzierten Tonschwingungen fast körperlich fühlen, sogar bei piano gesungenen Stellen. Auffallend: Alle Notenblätter sind dicht mit Notizen beschrieben. Wenn Dirigent Markus Leimgruber einen Hinweis bezüglich Rhythmus oder Modulation gibt, wird das von allen sofort notiert. Und bei der Wiederholung gleich realisiert, manchmal mehrmals, bis ihr anspruchsvoller Dirigent zufrieden ist. Was er meint und wie er es meint, das singt Leimgruber seinem Chor bei der intensiven Probenarbeit gleich selbst vor. Mit glockenreiner Stimme und einem Umfang, der von der tiefsten Basslage bis zum höchsten Sopran reicht.

Sich weiterentwickeln

Im Chor gilt seit der Neuorientierung 2012, dass die einzelnen Sängerinnen und Sänger sich bei der Probenarbeit fordern, aber auch fördern lassen. Zur Förderung gehören die kontinuierliche eigene Stimmentwicklung mit Stimmbildungsunterricht so gut wie der freiwillige Besuch von Gesangsworkshops und Kursen. «Kann das nicht auch etwas abschreckend auf Interessierte wirken?», werden die Sängerinnen und Sänger in der Probenpause beim Kaffee gefragt. «Nicht nur abschreckend», ist da die einhellige Meinung. «Es kann ja auch motivieren, dass wir etwas erreichen wollen. Wir geben dadurch ein wichtiges Signal.» Und Präsidentin Barbara Jäger hakt nach: «Wir haben Ansprüche an unseren Gesang. Wer diese Ziele nicht teilt, der ist in einem anderen Chor besser aufgehoben.» Und eine jüngere Sängerin sagt, dass es für sie gerade das gewesen sei, was sie an diesen Chor fasziniert habe. Ohne diesen Anspruch wäre sie nicht zur Kantorei gestossen.

Der Chor kann auf eine lange Bestehensgeschichte zurückblicken. Er wurde 1970 von Armin Reich als Singkreis Toggenburg gegründet und ab 2003 unter dem heutigen Namen von Ulrich Waldvogel Herzig geleitet. Auch mit Markus Leimgruber als neuem Dirigenten ab 2010 wurde die Tradition weitergeführt, jährlich ein anspruchsvolles Konzert zu präsentieren. Die zunehmenden Herausforderungen für Laienchöre machten aber auch vor der Kantorei Toggenburg nicht halt. So musste der Chor vor einigen Jahren einen kontinuierlichen Rückgang der Mitgliederzahlen vermelden. 2012 wurde dann der Beschluss zugunsten einer Neuausrichtung des Chors gefasst. Er wollte der Ausdünnung durch eine bewusste Verkleinerung bei gleichzeitiger Anhebung des Niveaus begegnen. So wurden sie selbstgewollt weniger, gaben sich im Gegenzug aber musikalisch qualitativ ein grösseres Gewicht.

Anspruchsvolle Konzerte

In den letzten Jahren ist die Kantorei in der Region und über sie hinaus immer wieder mit anspruchsvollen Konzerten aufgetreten, so im vergangenen Advent mit einem Konzert mit Adventsmotetten von Rheinberger in der Klosterkirche Neu St. Johann. Vor wenigen Wochen entzückten sie das Publikum in der Propstei Alt St. Johann und in Bütschwil mit wunderbar melodischen Klängen zur Sommernacht, von Michael Praetorius bis Carsten Gerlitz. Weitere Konzerte werden folgen, welche dem gepflegten und anspruchsvollen A-cappella-Gesang verpflichtet sind.