WATTWIL: Häuser bauen ist kinderleicht

Was für Pippi Langstrumpf die Villa Kunterbunt ist, scheint für die jungen Handwerker die Kinderbaustelle zu sein. Hier darf gemalt und gesägt werden, ohne dass sich jemand darüber beschwert.

Delia Hug
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Der Nagel ist am falschen Ort, doch gemeinsam geht alles einfacher. (Bild: Delia Hug)

Der Nagel ist am falschen Ort, doch gemeinsam geht alles einfacher. (Bild: Delia Hug)

Kinder – so sehr wir sie alle lieben, so ungern sehen wir bemalte Wände, Unordnung oder gar kaputte Sachen. Nicht so auf der Kinderbaustelle an der Thur, die von Mai bis September Kindern bis zwölf Jahre kostenlos zur Verfügung steht. Wer hier einen gelben oder blauen Helm trägt, fühlt sich sogleich als Bauchef und will natürlich keinen Minihammer zur Hand haben, sondern braucht «richtiges» Werkzeug. Die angehenden Handwerker brauchen dann ihre Mamis und Papis nur noch als Holzträger oder Verpflegungsstation. Wie gross der Stolz auf ihre Bauwerke ist, zeigt sich mit Inschriften wie «Nicht weiter bauen». Soll also bloss niemand glauben, man könne es besser machen. Klar, dass dabei öfters ein kleiner Konflikt entsteht. «Doch genau das sollen die Kinder hier lernen. Sich untereinander aussprechen und Sozialkompetenzen erlernen», verdeutlicht Samuel Roth, Leiter der Offenen Kinder- und Jugendarbeit Wattwil.

«Wer einen Platz weiss, soll sich melden»

Auf diesem Fleckchen Erde, direkt neben dem Schwimmbad Wattwil, trifft sich Gross und Klein. Bereits zum sechsten Mal kann die Kinderbaustelle durchgeführt werden – immer am selben Standort. Dank der Unterstützung der Gemeinde Wattwil und regionaler Unternehmen kann dieses Projekt auf die Beine gestellt werden. Die Zukunft des Platzes wird wahrscheinlich bald in Frage gestellt, denn der Bau der Sportanlage Rietwis ist absehbar. Für die Kinderbaustelle wäre dies ein herber Verlust, könne andererseits aber auch einen Gewinn bedeuten, meint Roth: «Vielleicht ist ein anderer Standort noch viel besser und bietet neue Vorzüge.» Man halte bereits die Augen nach einem geeigneten Platz offen. Gerne werden Vorschläge für einen alternativen Standort entgegengenommen. Neben den Leitern der Offenen Kinder- und Jugendarbeit Wattwil werden dieses Jahr zum ersten Mal Ferienjobs an Schüler vergeben. Und nein, die Jugendlichen müssen nicht den lieben langen Tag Nägel aus den Brettern holen. «Klar ist das eine der Aufgaben. Vor allem sichern wir die Bauwerke ab und bessern etwas nach, damit sie stabil sind», erklärt Roth.

Wo sich die kleinen Stammgäste treffen

Die Baustelle hat viele Stammgäste, die jedes Jahr ihre Häuschen bauen. «Es ist wirklich toll zu sehen, wie sich die Kinder im sozialen wie im handwerklichen Bereich entwickeln», zeigt sich Samuel Roth erfreut. Die Kinder seien viel organisierter und gingen verantwortungsvoll mit den Werkzeugen um. Oft ist der Platz von den angehenden Baumeistern bis ins hinterste Eck gefüllt. Im Mai und Juni besuchten bereits 25 Gruppen den Ort. «Das ist bereits ein Rekord. Und weitere Gruppen sind schon angemeldet», vermerkt Roth. Nicht nur St. Galler Kinder, sondern auch jene aus dem Zürcher Oberland, dem Thurgau oder dem Glarnerland nageln und hämmern, dass sich die Balken biegen.

Die Öffnungszeiten während den Sommerferien sind wie folgt: Erste, zweite und fünfte Ferienwoche jeweils von Montag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr. Bis im September ist die Baustelle immer mittwochs von 14 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 16 Uhr geöffnet.

Kinderbaustelle Wattwil

Was: 2012 startete die Kinderbaustelle als Pilotprojekt. Schnell hat sich der Erfolg gezeigt, und weitere Kinderbaustellen in der Schweiz öffneten ihre Tore. Doch die Offene Kinderbaustelle im Toggenburg ist eine der grössten Baustellen. Ausserdem sind andere Baustellen nur für wenige Wochen geöffnet, in Wattwil hingegen sind es knapp fünf Monate, da bleibt auch Zeit für ein Hochhaus. Auf der Baustelle können sich die Kinder frei nach ihren eigenen Ideen austoben.

Wer: Die primäre Zielgruppe des Projekts Offene Kinderbaustelle Wattwil sind Kinder im Alter bis zu 12 Jahren. Ab der zweiten Klasse können alle Kinder selbstständig das Angebot nutzen, im Vorschulalter aber nur durch eine erwachsene Begleitung. Das Projekt richtet sich sowohl an Jungen wie auch an Mädchen. Mindestens zwei Betreuer sind während der Öffnungszeiten vor Ort.

Wie: Beim ersten Mal muss sich jedes Kind einmalig anmelden. Danach kann die Anlage beliebig oft benutzt werden.

Sponsoren: Die Politische Gemeinde Wattwil trägt das Projekt über die Offene Kinder- und Jugendarbeit Wattwil. Zusätzlich wird das Projekt durch Gönner und Sponsoren finanziell und materiell unterstützt. Dazu gehören diverse Handwerksbetriebe, Vereine, Private und weitere Institutionen wie zum Beispiel die Schulgemeinde Wattwil.

Anreise: In Gehdistanz zum Bahnhof. Parkplätze stehen bei der Otto’s AG zur Verfügung.(pd/dhu)

Weitere Bilder und Informationen: www.kinderbaustelle-wattwil.blogspot.ch