WATTWIL: Gefühlsstürme auf der Bühne

Der Konzertzyklus Pro Wattwil bewegte sich mit seinem jüngsten Kammerkonzert auf hohem Niveau. Das Publikum zeigte sich vom auftretenden Merel-Quartet begeistert.
Peter Küpfer
Präzision und Hingabe: die vier ausgeprägten Musikerpersönlichkeiten in Aktion. (Bilder: Peter Küpfer)

Präzision und Hingabe: die vier ausgeprägten Musikerpersönlichkeiten in Aktion. (Bilder: Peter Küpfer)

Mit dem Zürcher Merel-Quartet waren in der Aula der Kanti Wattwil Musikerpersönlichkeiten von internationalem Profil zu Gast. In einem Handbuch des zeitgenössischen klassischen Musikgeschehens heisst es von ihrem Spiel, es sei «bis ins letzte Detail durchdacht, sensibel austariert in Gewichtung und Ausleuchtung der Stimmführung.» Es besteche «durch seine schlanke und offene, farblich vielfältig variierende Tongebung.»

Das hohe Lob werden alle bestätigen können, welche die vier Künstler am Konzert vom Sonntagabend in der Kanti miterlebten. Zur Aufführung gelangten ein zeitgenössisches Werk der Zürcher Komponistin mit ungarisch-slowakischen Wurzeln Iris Szegy, dann das fünfte der magistralen Streichquartette von Béla Bartok sowie Beethovens Streichquartett e-Moll, op 59, Nr. 2.

Elegisches, Dramatisches, Leidenschaftliches

Sie sei vom Quartett für eine Komposition angefragt worden, erklärte die am Konzert anwesende, seit 2001 in Zürich wirkende Komponistin. Sie habe dann ihr ursprünglich als Trio komponiertes Stück Aria für das Merel-Quartet umgeschrieben, einiges auch geändert, zum Beispiel den Schluss. Die in Wattwil erklingende Komposition bestach durch ihre elegische, lyrische Sensibilität, auch Fragilität. Die einzelnen Stimmen wurden in ihrer feinen Textur fast durchsichtig. Sie luden in ihrer Langsamkeit zum Meditieren ein und insistierten darauf. Die Komponistin bedankte sich nach dem Verklingen persönlich bei den Musizierenden auf der Bühne.

Mit Bela Bartoks Streichquartett Nr. 5 war man von den ersten Klängen an in anderen Gefilden. Obwohl die Kritik dem Werk eine gewisse Heiterkeit und Transparenz attestiert, ist der Kopfsatz teilweise heftig, fast stürmisch. Die vier Musiker schienen die symphonische Intensität und das komplexe Rhythmusgeschehen der Komposition besonders zu geniessen. Mit beredter Mienen- und Körpersprache wiegten sie sich im Takt, peitschten ihn dort, wo es nötig war, an oder liessen sich von ihm mitreissen. Dazu wechselten sie, angestachelt von einer auf allen Ebenen omnipräsenten 1. Violine (Mary Ellen Woodside), hoch konzentriert von virtuosen solistischen Teilen in die begleitenden und kommentierenden Partien, dabei immer auf Erhalt der Gesamtspannung bedacht. Diese entlud sich denn auch im wilden Scherzo und noch einmal im grandiosen Finale mit seinem fugenartigen Einander-Nachjagen der einzelnen Stimmen. In der springlebendigen Version des Merel-Quartets entfaltete Beethovens e-Moll-Quartett (op. 59, Nr. 2) seinen ganzen Glanz, auch seine plötzliche Schroffheit und Abgründigkeit. In ihrem Spiel blieben die einzelnen Stimmen bis ins Letzte transparent. Noch in den immer wieder mächtig aufbrausenden Ton-Konglomeraten waren die einzelnen Instrumente in ihrem Eigensten erkenn- und unterscheidbar. Der ständige Wechsel zwischen sensiblem Einzelspiel und sich gegenseitig anfeuerndem Aufbäumen blieb ein anhaltender Hochgenuss.

Zugabe in wohltuenden und ruhigen Bahnen

Man hätte der bald leidenschaftlich aufjauchzenden, dann wieder melancholisch fast in sich selbst versinkenden Violine von Mary Ellen Woodside, kongenial aufgenommen und variiert von Edouard Mätzener (2. Violine), der glutvollen Viola Alessandro d’Amicos und dem bald verhalten-lyrischen, bald temperamentvoll vorantreibenden Cello Rafael Rosenfelds noch lange zuhören wollen. Das war offensichtlich auch die Meinung des Publikums, das nach sekundenlangem Verhallen des letzten furiosen Klangs seinen intensiven und bald einmal rhythmischen Beifall mit lauten Bravorufen verstärkte. Das verlangte eine Zugabe, die auch gewährt wurde, nach all den Gefühlsstürmen in wohltuend ruhigeren Bahnen.

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