WATTWIL: Früh am Morgen im Tankstellenshop

Schnell ein Sandwich holen, den ersten Kaffee geniessen und einen Blick in die Zeitung werfen: So oder ähnlich gehen die meisten Kunden am Tankstellenshop vor. Die Sandwiches haben Julia Hagmann und Miriam Tschudi um 4.45 Uhr frisch vorbereitet.

Martina Signer
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Sie schmunzelt viel, lacht noch lieber und ist immer für einen Scherz zu haben. Auch schon um 6 Uhr morgens. Das schätzen die Kunden an Julia Hagmann, die seit knapp drei Jahren die stellvertretende Filialleiterin im Agrola-Shop Wattwil ist. (Bild: Martina Signer)

Sie schmunzelt viel, lacht noch lieber und ist immer für einen Scherz zu haben. Auch schon um 6 Uhr morgens. Das schätzen die Kunden an Julia Hagmann, die seit knapp drei Jahren die stellvertretende Filialleiterin im Agrola-Shop Wattwil ist. (Bild: Martina Signer)

Ein Schlafzimmerblick begegnet Julia Hagmann um 6 Uhr. Der Kunde stand schon um 5.55 Uhr vor der Tür. «Das ist noch nichts, meistens stehen sie um diese Zeit schon Schlange», sagt die stellvertretende Filialleiterin und meint damit viele Stammkunden, die aufgrund ihres Berufs schon früh unterwegs sind oder gar schon ihre erste Pause im Tankstellenshop im Bunt machen.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitet Julia Hagmann ebenfalls schon seit über einer Stunde. So ist das Brot knusprig warm und die Sandwiches sind erst frisch zubereitet. Da läuft auch der Journalistin das Wasser im Mund zusammen. Sie trägt Kamera und Notizblock statt Agrola-Gilet und hat noch nicht gefrühstückt. Trotzdem geht ihr Schlafzimmerblick beim Anblick der Sandwiches langsam in wache Augen über. Julia Hagmann lacht und sagt: «Ich stehe auch immer um halb vier auf. Aber ohne Frühstück geht gar nichts. Möchten Sie Kafi und Gipfeli?» Da sagt man nicht Nein.

Der Zapfhahn steckte beim Losfahren noch am Auto

Julia Hagmanns Arbeitsweg von Dietfurt ist wesentlich kürzer als der ihrer Vorgesetzten Miriam Tschudi, welche die Fahrt von Benken über den Ricken frühmorgens geniesst: «Es ist dann alles so ruhig.» Mit der Ruhe ist es nun aber vorbei. Die Kunden – viele von ihnen kommen täglich und Julia Hagmann spricht sie mit dem Vornamen an – geben sich die sprichwörtliche Klinke in die Hand.

Auch getankt wurde innerhalb der ersten Viertelstunde bereits. In Stosszeiten merke man nicht gleich, wenn jemand den Treibstoff zu bezahlen vergessen habe. «Das passiert aber wirklich selten und den meisten ist es total peinlich, wenn sie von uns angeschrieben werden», sagt Hagmann mit Schalk in den Augen. Böse Absichten seien eigentlich nie dahinter. «Viele Menschen sind einfach mit ihren Gedanken ganz woanders.» Ein- bis zweimal wurde sogar schon losgefahren, als der Zapfhahn noch am Auto hing. «Dann haben wir ein Problem.» Diese Tanksäule war den Rest des Tages ausser Betrieb.

Nuschelnde, nette, nachtaktive und närrische Kundschaft

Und noch ein Schlafzimmerblick mit dazu passenden, verstrubbelten Haaren. Während Julia Hagmann herzlich gegrüsst hat, kommt von Seiten des Mannes nur ein undefinierbares Gemurmel. Julia Hagmann findet das witzig. «Wenn die Kunden so vor sich her brummeln, verstehe ich selten, was sie wollen. Mehrmaliges Nachfragen gehört dann dazu.» Doch dieser Kunde hat sich bis zur Kasse verändert. Denn er hat schon einen Halt bei der Kaffeemaschine gemacht. Der Automat droht bereits eine halbe Stunde nach Ladenöffnung, heiss zu laufen. An der Tür nuschelte er noch, nachdem er aber den frischen Kaffee in der Hand hält, scheint er langsam aufzuwachen. «Das macht zwei Franken fünfzig. Danke. Und sieben fünfzig zurück. Wiedersehn. Ach, guten Morgen, Roger, zwei Buttergipfel, wie immer? Gerne. Sonst noch was?» Wer in diesem Job nicht gerne redet, ist fehl am Platz. «Es muss einem schon Spass machen, sich mit den Kunden zu unterhalten, sie vielleicht sogar zum Lachen zu bringen oder sich ihre Angewohnheiten zu merken.» Manche kommen auch nur, um zu reden, und weniger wegen des günstigen Kaffees. «Empathie ist wichtig», weiss die Dreifachmutter. Und auch wenn die Kunden manchmal brummlig sind, «die meisten sind sehr nett». «Das sind die besten Schoggibrötli, die ich je gegessen habe, sagt eine junge Frau. Freundlichkeit hinter und vor der Kasse.

Weniger erfreulich sind manchmal die Frühschichten, wenn Fasnacht ist. «Das sind dann die Kunden, die sogar am Wochenende ganz früh hier sind. Und schon ordentlich getankt haben.» Das könne schon einmal unangenehm werden. Aber nie ist eine der Angestellten allein. Und Julia Hagmann hat immer ihr Mobiltelefon in der Tasche ihres Agrola-Gilets. «Sollte mal ein Überfall stattfinden, werde ich nach hinten ins Lager rennen, mich einsperren und die Polizei rufen.» War das schon einmal nötig? «Nein. Aber man ist vorbereitet. Das gibt einem Sicherheit.»