WATTWIL: Drei Notfälle in drei Stunden

Nicht immer sind Nachtschichten so spannend wie diese: Notfälle, ein Sturz, der spontane Umzug eines Patienten in ein anderes Zimmer und häufiges Klingeln einiger Patienten halten Stefanie Forrer und Melanie Solenthaler im Spital Wattwil auf Trab.

Martina Signer
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Kontrolle durch Melanie Solenthaler: In der abgeschlossenen Schublade befinden sich starke Betäubungsmittel.

Kontrolle durch Melanie Solenthaler: In der abgeschlossenen Schublade befinden sich starke Betäubungsmittel.

Martina Signer

martina.signer@toggenburgmedien.ch

«Natürlich dürfen Sie ein Foto von mir machen», sagt Theo Bannwart, der um Mitternacht noch wach ist. Er musste gleich zwei Leistenbrüche operieren lassen. Er scheint schmerzfrei und zufrieden, plaudert mit Stefanie Forrer, der diplomierten Pflegefachfrau, und lächelt in die Kamera. Stefanie Forrer hat heute zusammen mit ihrer Kollegin Melanie Solenthaler Nachtdienst auf der Station C2. Die weiteren Patienten wurden aus Datenschutzgründen weder fotografiert noch mit Namen genannt. Beim Rundgang, der alle zwei Stunden erfolgt, schlafen einige, bei anderen fragen die Pflegefachfrauen nach, ob sie etwas zum Schlafen benötigen wie Schlaftee oder Schlaftabletten. Häufiger melden sich die Patienten wegen Schmerzen.

Bunte Dreiecke, ein Specht und eine Engelsgeduld

Melanie Solenthaler ist mit einer Notfallpatientin beschäftigt. «Eine Schulterfraktur», sagt sie und hilft der Frau aus dem Bett. «Bitte nicht anfassen», ruft die Frau und zuckt zusammen, als Melanie Solenthaler sie beim Gang zur Toilette zu stabilisieren versucht. «Es ist so warm in diesem Zimmer. Und schlafen kann ich auch nicht.» Die Frau ist gereizt, Melanie Solenthaler begegnet ihr mit einer Engelsgeduld. «Das ist nicht immer einfach», gibt sie ehrlich zu. Vor allem nicht in der Nacht, wenn viel los ist.

Beim Rundgang von Stefanie Forrer läuft alles rund. Erst im fünften Zimmer erwartet die junge Pflegefachfrau eine etwas verwirrte Frau. «Hier hat es überall farbige Dreiecke. Und der Specht draussen poppert die ganze Zeit. ­ Wissen Sie, wo mein Mann ist? Die ­Hunde der Nachbarn machen immer so eine Sauerei.» Stefanie Forrer hört der Frau zu, spricht ruhig mit ihr. Kurze Zeit später schläft die Patientin. Das ist gut so, denn Stefanie Forrer muss in die Notfall­station.

Eine 77-Jährige hatte zu Hause einen Schwächeanfall. Die wichtigsten Dinge hat sie dabei, obwohl es sehr schnell ging, bis der Rettungswagen eingetroffen war. «Das war nicht das erste Mal, dass sie zusammenbrach», weiss Stefanie Forrer und muntert die Seniorin auf. «Gelled Sie, Ihnen gefällt es einfach bei uns.» Die Frau widerspricht nicht. «Klar ist es unangenehm, wenn man ins Spital muss. Aber jedes Mal, wenn ich hier bin, werde ich fürsorglich behandelt und es geht mir schnell besser.»

Plötzlich sind alle wieder wach

Bei Melanie Solenthaler verlief das ­erste «Runden» ohne Zwischenfälle. «Bei mir schlafen alle», sagt sie auf dem Weg zum zweiten Rundgang auf der Station C2 Süd. Doch von wegen. Plötzlich sind vier Patienten wieder hellwach. In Zimmer 215. Denn einer der Patienten führt Selbstgespräche. In einer Lautstärke, welche die anderen Patienten wach hält. Er redet auch im Schlaf. «Vielleicht ­sollten wir ihn umquartieren», meint Melanie Solenthaler. «Wir warten noch. Vielleicht hört es im Tiefschlaf auf», sagt Stefanie Forrer. Jedoch wird den Pflegefachfrauen rasch klar, dass sich die Situation nicht ändert, weshalb der Patient in ein anderes Zimmer gezügelt wird. Damit solche Entscheidungen in der Nachtschicht gefällt werden können, sind immer diplomierte Pflegefach­frauen im Dienst. Die beiden haben ­immer im Blick, welche Zimmer noch frei sind, damit auch allfällige Notfallpatienten noch aufgenommen werden können. Von 23 bis 2 Uhr sind es deren drei.

Wenn es einmal ruhiger wird, haben die beiden 27-Jährigen Zeit, die Medikamente für den Folgetag bereitzulegen. Eine Arbeit, die volle Konzentration erfordert. Genauso wie die Kontrolle der starken Betäubungsmittel, deren Anzahl täglich nachgezählt wird.

Währenddessen fährt der Rettungswagen wieder vor. Eine Patientin mit viel zu hohem Blutdruck. Stefanie Forrer holt den Rollstuhl und nimmt den Lift von der Station C2 im ersten Stock hinunter ins Erdgeschoss, wo die Notfallpatienten ankommen.