WATTWIL: Der Herr der Lebensbücher

37 Jahre ist Paul Vestner im Wattwiler Gemeindehaus ein und aus gegangen. Zuletzt war er als Leiter des Zivilstands-, Betreibungs- und Einwohneramts tätig. Seit kurzem geniesst er seinen Ruhestand. Langweilig wird ihm dabei nicht.

Anina Rütsche
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Paul Vestner und «sein» Wattwil: Nie hätte der frisch pensionierte Mann gedacht, dass er 37 Jahre am gleichen Ort arbeiten würde. (Bild: Anina Rütsche)

Paul Vestner und «sein» Wattwil: Nie hätte der frisch pensionierte Mann gedacht, dass er 37 Jahre am gleichen Ort arbeiten würde. (Bild: Anina Rütsche)

WATTWIL. Schaut man aus dem Stubenfenster von Paul Vestners Haus an der Berglistrasse, liegt einem Wattwil zu Füssen. Wattwil, der Ort, den der gebürtige Appenzeller Vorderländer längst zu seiner Heimat gemacht hat. Ende der 1970er-Jahre ist er von Thal, wo er die Lehre absolviert und als Grundbuchverwalter gearbeitet hat, mit seiner Frau Sibylle und den beiden Kindern hergezogen, dies wegen seiner neuen Stelle bei der Gemeindeverwaltung Wattwil. Am 1. April 1979 hatte der damals 26-Jährige dort seinen ersten Arbeitstag. Geblieben ist er bis zum 7. März dieses Jahres, seinem 63. Geburtstag. 37 Jahre hat der grossgewachsene Mann das Geschehen im Gemeindehaus miterlebt und mitgeprägt. «Das war nicht geplant, das hat sich einfach so ergeben», fasst der frisch Pensionierte zusammen. Während seiner Einsatzzeit hat sich so einiges verändert, von der Technik bis zur Organisationsstruktur.

Schnell im Toggenburg eingelebt

Paul Vestners erste Aufgabe als Angestellter der Gemeinde Wattwil bestand darin, sich um die Grundbuchbereinigung zu kümmern. Nach knapp vier Jahren hatte er diesen Auftrag abgeschlossen. Dann erhielt er die Möglichkeit, intern eine neue Funktion zu übernehmen. So wurde er am 1. August 1982 zum neuen Zivilstandsbeamten ernannt. In Wattwil war er zu dieser Zeit längst heimisch geworden. «Das ging erstaunlich schnell, obwohl meine Frau und ich das Toggenburg zuvor kaum gekannt hatten», erinnert sich der gelernte Kaufmann mit Weiterbildung zum Grundbuchverwalter. «Und als dann Tochter und Sohn hier zur Schule gingen, wurden wir endgültig in Wattwil sesshaft.» Seinen Arbeitsweg hat Paul Vestner während der ganzen 37 Jahre zu Fuss oder per Velo zurückgelegt. Ihm sei es stets wichtig gewesen, nahe bei seinem Arbeitsort zu wohnen. «Man braucht schliesslich einen Lebensmittelpunkt.»

Bücher digitalisiert

Paul Vestner weist darauf hin, dass ihm seine Arbeit stets Freude bereitet habe: «Sie war abwechslungsreich, und ich hatte einen sehr guten Kontakt zu den Bewohnern von Wattwil, aber auch zu den Kollegen und den Vorgesetzten.» In den knapp vier Jahrzehnten hat Paul Vestner drei Wattwiler Gemeindepräsidenten miterlebt: Zunächst war Hans Monstein im Amt, dann folgte Markus Haag, und heutzutage hat Alois Gunzenreiner diesen Posten inne.

Paul Vestner hat in den knapp vier Jahrzehnten auch technische Entwicklungen mitgemacht: von der Schreibmaschine mit Durchschlagpapier bis zum Computer mit Internetanschluss. Zu den Neuerungen gehörte zudem das elektronische Zivilstandsregister, das es seit 2005 gibt. Dafür mussten sämtliche alten Zivilstandsregister digitalisiert werden.

Von der Geburt bis zum Tod

Als besonders spannend bezeichnet Paul Vestner seine Tätigkeit beim Zivilstandsamt. Da waren zum Beispiel die Trauungen, die er als «zauberhafte und bewegende Momente» bezeichnet. Mitgezählt hat Paul Vestner nicht, aber er schätzt, dass er seit den 80er-Jahren rund 1500 Paare zu Ehepaaren gemacht hat.

Doch es gab beim Zivilstandsamt auch einige Aufgaben, die mit den weniger erfreulichen Aspekten des Lebens zu tun haben. Dazu gehörten die Todesfälle. Er selbst habe stets die Haltung vertreten, dass seine Tätigkeit mehr umfasse als die formellen und organisatorischen Abläufe, sagt Paul Vestner: «Oft habe ich den trauernden Angehörigen zugehört und sie getröstet.» Seinen jahrzehntelang ausgeübten Beruf umschreibt Paul Vestner übrigens folgendermassen: «Der Zivilstandsbeamte ist der Lebensbuchführer, der die Menschen über verschiedene Stationen von der Geburt bis zum Tod begleitet.»

Die Arbeit weitergegeben

Bereits im vergangenen Juni hat Paul Vestners Nachfolgerin, Andrea Betschart, ihre Arbeit in Wattwil aufgenommen. «Dass wir einige Zeit gemeinsam im Einsatz waren, fand ich gut», sagt Paul Vestner. Andrea Betschart arbeitete sich ein, er selbst konnte seine Projekte abschliessen.

An seinen letzten Tag bei der Wattwiler Gemeindeverwaltung denkt Paul Vestner gerne zurück. «Die Kollegen haben mein Büro mit Papierschlangen und Schöggeli dekoriert», sagt er und lacht. Zudem habe es in der Woche davor ein grosses Abschlussessen gegeben, zu dem die Gemeinde rund 50 Personen eingeladen hatte. «Das war ein würdiger Abschluss», findet der frisch Pensionierte, der das Wattwiler Gemeindehaus gemäss eigenen Angaben «mit einem lachenden und einem weinenden Auge» verlassen hat.

Mehr Zeit für Familie und Ferien

Paul Vestner freut sich, nun mehr Zeit mit seinen Enkeln verbringen zu können. Zudem hat er vor, sich mehr zu bewegen. Auf dem Programm stehen Langlauf, Wandern und Velofahren. Gemeinsam mit seiner Frau schmiedet er ausserdem Reisepläne – nächstes Jahr soll es mit dem Wohnmobil nach Skandinavien gehen.

Paul Vestner ist ausserdem nebenamtlicher Richter beim Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig. Dieses Amt wird er nach seiner Pensionierung weiterhin ausüben.