WATTWIL: Den guten Mut nie verloren

Eine Kindheit in Armut, die Gesundheit angeschlagen – das eben erschienene Buch «Bangen und Hoffen» erzählt vom Leben im Toggenburg des letzten Jahrhunderts.

Fabian Brändle
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Margrith Eugster (geboren 1929) erzählt ihre Lebensgeschichte, im Appenzeller Verlag zu Buch gebracht. (Bilder: PD)

Margrith Eugster (geboren 1929) erzählt ihre Lebensgeschichte, im Appenzeller Verlag zu Buch gebracht. (Bilder: PD)

Fabian Brändle

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Die Mutter der Autorin Margrith Eugster lebte als Witwe mit ihren vier Kindern an der Grenze zu Lichtensteig. Ihr Mann war mit dem Velo tödlich verunglückt. Ein lediger Mann zeigte Interesse an der Witfrau, die aber einen anderen, solideren Mann heiratete. «Zu dieser Zeit wusste meine Mutter noch nicht, dass sie mit mir schwanger war. Darum gibt es Gerichtsakten. Von meinem Erzeuger bekam sie nie einen Rappen. Zum guten Glück nahm ihr neuer Mann mich in die Familie auf», so Margrith Eugster in ihrer noch druckfrischen «Lebenserzählung».

Im Nachthafen gefror der Inhalt über Nacht

Die Familie zügelte 1929 in den Weiler Rotenbach, wo Margrith am 13. Oktober zur Welt kam. Zu den fünf Kindern aus erster Ehe gesellten sich fünf weitere Kinder. Die zwölfköpfige Familie wohnte zur Miete in einem Einfamilienhaus ausserhalb des Dorfes mit viel Umschwung. «Wir wohnten bescheiden: kein fliessendes Wasser im Haus, ein Plumpsklo, kein Badezimmer und nur in der Stube ein Kachelofen zum Heizen. In der Nebenstube stand ein stinkender Petrolofen. Alle Schlafzimmer waren sehr kalt. Im Nachthafen unter dem Bett war der Urin am Morgen gefroren.» Margrith Eugster sah nicht gut, galt in der Schule als «faul und verstockt». Nachdem ihr der Augenarzt eine Brille verschrieben hatte, galt sie als «Brillenschaggi» und durfte beim Völkerball nicht mitmachen.

Als sich die Mutter oft müde und erschöpft fühlte, wurde sie im Johanneum Neu St. Johann durchleuchtet. Das Spital Wattwil besass noch kein entsprechendes Gerät. Die Diagnose war brutal: Tuberkulose. Auf diese Krankheit, ausgelöst von einem Mi­krobakterium, waren die armen Teile der Bevölkerung wegen Mangelernährung, fehlendem Hygienewissen sowie zum Teil wegen Alkoholismus besonders anfällig. Die Übertragbarkeit und das Fehlen eines spezifischen Heilmittels bis 1943 (Steptomycin) erklären die Furcht, welche die sozial geächteten und isoliert lebenden Tuberkulosekranken auslösten. Auch die Mutter von Margrith Eugster musste die Familie verlassen und trat 1938 ins bereits 1909 eröffnete Lungensanatorium Walenstadtberg (Knoblisbühl) ein. «Meine kleine Schwester, mein Bruder und ich kamen ins Bad Sonder ob Teufen, das damals eine Heilstätte für tuberkulosekranke Kinder war. So wurde meine ganze Familie auseinandergerissen.» Der Vater bekam eine Ordensschwester als Haushaltshilfe.

Margrith verbrachte als Patientin eintönig verlaufende Tage im Bett und hatte Heimweh. Sie war zutiefst traurig, als sie vom Tod der Mutter erfuhr. Da es ihr schlechter ging, wurde sie ins Sanatorium Walenstadtberg verlegt. Sieben Monate blieb Margrith im Bett. Eine Patientin erteilte aus dem Bett heraus Schulunterricht in der Bibliothek: «Wir lernten nur Rechnen und Schreiben.»

Eine Operation (Pneumathorax) in Zürich durch Professor Brunner brachte Besserung. Der riskante Eingriff war bei Kindern noch nie durchgeführt worden. «Alle vierzehn Tage wurde von der Brust her mit einer langen Nadel neue Luft nachgefüllt. Das war schmerzhaft.» Margrith durfte schliesslich nach Hause fahren. Die Kinder mieden sie aus Furcht vor Ansteckung. Die Lungenliga organisierte einen Platz bei einer Bauernfamilie ob Weggis.

Nach der Schule arbeitete Margrith als Hausmädchen bei Nachbarn. An eine Lehre war nach nur vier Jahren Schule nicht zu denken. Margrith war auch im Turnverein und in der Theatergruppe aktiv. Dann arbeitete die junge Frau in einer Fabrik im Akkord, verliebte sich und heiratete. Die Mutter des Bräutigams hatte gemeint, «mit meiner Krankheitsgeschichte sollte ich nie heiraten, ich würde nie gesunde Kinder haben».

Eugster, Margrith: «Bangen und Hoffen. Eine Lebenserzählung aus dem Toggenburg», Schwellbrunn: edition punktuell 2017.