WATTWIL: «Ab 2018 schwarze Zahlen»

Die Exponenten des Wärmeverbunds Wattwil wehren sich gegen Vorwürfe, dass langsam gebaut und dass zu grosszügig geplant wurde. Sie verteidigen auch die personellen Überschneidungen bei den Verwaltungsräten.

Serge Hediger, Martin Knoepfel
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Thomas Grob (links) und Alex Hollenstein diskutieren über den Abschnitt des Wärmeverbunds Wattwil, der das Quartier Schomatten versorgen wird. (Bild: Martin Knoepfel)

Thomas Grob (links) und Alex Hollenstein diskutieren über den Abschnitt des Wärmeverbunds Wattwil, der das Quartier Schomatten versorgen wird. (Bild: Martin Knoepfel)

Serge Hediger, Martin Knoepfel

serge.hediger@toggenburgmedien.ch

martin.knoepfel@toggenburgmedien.ch

Herr Grob, Herr Hollenstein, wie heizen Sie bei sich zu Hause?

Thomas Grob: Mit Fernwärme, seit der Wärmeverbund Wattwil liefert.

Alex Hollenstein: Da ich in Bütschwil wohne, kann ich leider nicht mit Fernwärme heizen.

Würden Sie auf Fernwärme wechseln, wenn Sie könnten?

Hollenstein: Ja, wenn ich die Möglichkeit hätte. Mit der Fernwärme ist man unabhängig von Importen, die Preisschwankungen sind kleiner als bei anderen Energieträgern, und man hat mit der Heizung nichts mehr zu tun.

Der Wärmeverbund ist in der Kritik: Zu teure Tarife, verspätete Anschlüsse, überlange Bauzeiten, zu geringe Effizienz, zu hohe Baukosten, lauten die Vorwürfe. Was ist los mit dem Wärmeverbund?

Hollenstein: Am 29. September 2016 entzündeten wir das erste Feuer. Seit diesem Tag haben wir Wärme geliefert, wie das von Anfang an geplant war.

Grob: Das sind böse und falsche Unterstellungen. Der Wärmeverbund Wattwil liegt preislich im Mittelfeld anderer Wärmeverbünde. Natürlich ist der Erdölpreis momentan tief. Wir gewinnen Neukunden dank unseren stabilen Preisen. Neubauten müssen die geltenden energetischen Vorschriften erfüllen. Solche Gebäude können wir anschliessen.

Wie geht es weiter?

Grob: Dieses Jahr gibt es weitere Netzergänzungen, sodass das Netz 7,6 Kilometer lang werden wird. Geplant waren 6,3 Kilometer. Dieses Jahr ist unter anderem der Ast in Richtung Schomatten projektiert. Aktuell bauen wir vom BWZ in Richtung Ricken- und Bleikenstrasse. Die Überbauung Bahnhof-Süd soll ebenfalls mit Fernwärme versorgt werden.

Läuft die Heizzentrale jetzt störungsfrei oder mussten Sie aufs Back-up zurückgreifen?

Hollenstein: Die Holzheizung funktioniert. Es brauchte nach der Inbetriebnahme einige Abstimmungsarbeiten, auch wegen der Steuerung. Zudem brauchte es den Testbetrieb, weil das Holz, das im Winter geliefert wird, feuchter ist als die Sommer-Lieferungen. Seit Weihnachten ist die Testphase vorbei. Im sehr kalten Januar konnten wir die Abnehmer problemlos mit Wärme versorgen. Die Ölheizung musste rund anderthalb Stunden zusätzlich zur Holzheizung arbeiten. Im Moment läuft die Anlage mit einer Leistung von 2600 Kilowatt. Im Sommer benötigen wir nur circa 400 Kilowatt.

Wie gross ist die Verfügbarkeit der Holzheizung?

Grob: Die Holzheizung ist zu 99,9 Prozent verfügbar. Wir haben zudem einen Speicher. Die Ölheizung kommt erst in Betrieb, wenn der Wärmebedarf nicht mehr aus dem Speicher gedeckt werden kann. Zudem dient sie bei Volllast als Spitzenleistungs-Unterstützung.

Was sagen Sie zum Vorwurf überlanger Bauzeiten?

Grob: Wegen des Rohr-in-Rohr-Systems der Fernwärme sind mehr Arbeitsgänge nötig als sonst bei Werkleitungen. Zudem ist das Schweissen im Graben schwieriger. Die Gräben mussten deshalb länger offen sein. Dazu kam die Zeit für die Druckprüfung. Es braucht auch längere Gräben als sonst bei Werkleitungen, weil die Rohrstücke in der Regel 12 Meter lang sind.

Hollenstein: Wo geschweisst wird, fehlt die Isolation der Rohre. Diese musste nachträglich angebracht werden. Dann musste man den Draht für die automatische Leckanzeige montieren und den Graben wieder schliessen. Das braucht ebenfalls Zeit.

Grob: In der Ebnaterstrasse wurde im Hinblick auf die Strassensanierung eine wichtige Wasserleitung erneuert. Alles in allem haben wir so lange gebaut wie geplant. Der Zeitrahmen war wegen der Sanierungsarbeiten an der Umfahrung gegeben. Zu gewissen Zeiten durfte die Ebnaterstrasse nicht gesperrt werden.

Was sagen Sie zum Vorwurf, die Rohre seien undicht?

Grob: Die Rohre sind dicht. Eine Leckmeldung entpuppte sich als Fehlanzeige. Wir mussten die Strasse öffnen, doch das wurde in Garantie repariert.

Waren Sie zu euphorisch? Ist das Potenzial ausgeschöpft?

Grob: Wir haben nicht zu euphorisch geplant. Das Ziel war, diejenigen Gebiete Wattwils zu erschliessen, in denen man viele Abnehmer erreichen kann. Der Wärmeverbund ist ein Generationenprojekt und soll wachsen.

Hollenstein: Die Zentrale haben wir bewusst nicht im Zentrum Wattwils geplant, da Holzschnitzel angeliefert werden müssen, Lärmimmissionen entstehen und die Asche abtransportiert werden muss. Dazu kommt der Kamin, aus dem zwar nur Wasserdampf entweicht. Im Industrie- und Gewerbegebiet finden ohnehin Lastwagenfahrten statt.

Grob: Wichtig für einen Wärmeverbund ist eine hohe Dichte an Abnehmern im Verhältnis zur Länge des Netzes. Der Wärmeverbund Wattwil liegt hier in einem guten, mittleren Bereich und wird ab 2018 schwarze Zahlen schreiben.

Woher stammt das Holz, das verbrannt wird?

Grob: Aus der Region, vor allem aus Wattwil und Lichtensteig.

Die Verwaltungsräte der Dorfkorporation und der Thurwerke sind personell identisch. Das ist nicht verboten, wirft aber Fragen auf. Herr Grob, Sie sind Ihr eigener Chef. Weshalb?

Grob: Seinerzeit hat man aus Marktüberlegungen die Energie Wattwil AG, die heutige Thurwerke AG, gegründet. Da die Aufgaben und Geschäfte der Dorfkorporation und der Thurwerke AG grösstenteils deckungsgleich sind beziehungsweise sich überschneiden, wurde 2001 bei der Gründung bewusst entschieden, dass die beiden Verwaltungsräte durch denselben Präsidenten geführt werden sollen – unabhängig von meiner Person. Nur so kann man Synergien nutzen. Aus der Sicht der Corporate Governance kann man das kritisieren.

An der Korporationsversammlung vom 29. März beantragen Sie die Änderung der Corporate Governance: Die Generalversammlung (GV) der Thurwerke soll neu Bestandteil der Versammlung der Dorfkorporation sein. Was steckt dahinter?

Grob: Die Thurwerke sind eine 100-Prozent-Tochter der Dorfkorporation. An der Versammlung der Dorfkorporation wird man die Traktanden der GV der Thurwerke besprechen und beschliessen. Der Delegierte der Dorfkorporation wird an der GV der Thurwerke gemäss den Instruktionen stimmen, die er an der Versammlung der Dorfkorporation erhalten hat.

Warum bilden Sie nicht zwei unabhängige Verwaltungsratsgremien für die Dorfkorporation und die Thurwerke?

Grob: Zwei Verwaltungsratsgremien sind nicht sinnvoll, wenn man Synergien nutzen und die Effizienz und Beweglichkeit der beiden Unternehmen erhalten will. Es stimmt, dass wir uns selber kontrollieren, aber wenn die Korporationsbürger mit dem Verwaltungsrat unzufrieden sind, können sie ihn alle zwei Jahre abwählen. In der Gemeinde kann der Bürger auch nicht über alle Entscheidungen abstimmen.

Hollenstein: In anderen Technischen Betrieben in der Region stimmt der Bürger auch nicht direkt ab, zum Beispiel bei den Regionalwerken Toggenburg. Die Technischen Betriebe Flawil sind seit dem 1. Januar ebenfalls ein selbstständiges öffentlich-rechtliches Unternehmen.

Grob: Der Verwaltungsrat will die gute Ausgangslage in Wattwil bewahren. Der Strom-, der Kommunikations- und der Wärmemarkt sind sehr dynamisch. Die AG ist hier die ideale Rechtsform.

Wo sehen Sie die Thurwerke in zehn Jahren?

Grob: Der Verwaltungsrat will die Thurwerke weiterentwickeln als dynamisches Versorgungsunternehmen mit vier Bereichen (Strom, Wasser, Kommunikation, Fernwärme) im mittleren Toggenburg. Ich glaube nicht, dass ein fünfter Bereich dazu kommt. Der Wärmeverbund wird organisch wachsen.

Hollenstein: Es gibt Liegenschaften in Wattwil, die die Fernwärmeleitung schon vor der Haustüre haben, die aber aus verschiedenen Gründen noch nicht bereit sind für den Anschluss an den Wärmeverbund.

Grob: Beispiele sind das Feuerwehrdepot oder das Schulhaus Grüenau, wo schon Verträge bestehen und der Anschluss an den Wärmeverbund in einigen Jahren erfolgen wird. Entscheidend ist die Energiedichte im Verhältnis zur Länge des Trassees. Der Wärmeverbund wird nie ins Bergli oder in die obere Wanne kommen.

Würden Sie nicht gerne das Regionalspital Wattwil mit Wärme versorgen?

Grob: Wir haben die Frage mit dem Kanton studiert. Das Spital hat einen hohen Kältebedarf. Da der Neubau gut gedämmt wird, wird der Wärmebedarf kleiner sein als der Kältebedarf. Wir können keine Kälte liefern. Das Spital wird Sonden in die Erde bohren und überschüssige Wärme in der Erde speichern. Wo immer es möglich ist, schliesst der Kanton seine Gebäude an Wärmeverbünde an.