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Wasser pumpt Wasser auf den Berg

Vor über 200 Jahren wurde ein System erfunden, das noch heute vielerorts Wasser pumpt. Hydraulische Widder versorgen gerade im Toggenburg Alpen mit fliessend Wasser. Arthur Tobler aus Alt St. Johann stellt solche Widder her, der Lichtensteiger Sepp Schlumpf sammelt sie leidenschaftlich.
Barbara Anderegg

TOGGENBURG. Wie oft freut man sich auf einer anstrengenden Wanderung über einen plätschernden Brunnen vor einer Alphütte, der Kühlung verspricht. Wer aber hat sich schon gefragt, wie das Wasser überhaupt in den Brunnen gelangt? Nicht immer ist es eine moderne Wasserpumpe, sondern oftmals ein über 200 Jahre altes System, das noch heute dafür sorgt, dass das Wasser von der Quelle zum Verbraucher gepumpt wird: Der sogenannte Hydraulische Widder.

Vor allem auf Alpen im Einsatz

Im Kanton St. Gallen und gerade im Toggenburg werden Widder vor allem auf Alpen installiert. «Meines Wissens der älteste noch funktionierende Widder im Toggenburg ist auf der Nesslauer Herrenalp in Betrieb und das seit etwa 100 Jahren», sagt der Lichtensteiger Sepp Schlumpf, der selbst keine Widder herstellt, diese aber installiert und unterhält. Aber nicht nur Alpen, auch Wohnhäuser oder Ställe werden durch Widder mit Wasser versorgt.

Das verrückteste System, das er bisher eingerichtet hat, versorge insgesamt fünf Brunnen und Reservoirs mit Wasser, so Sepp Schlumpf. Die längste Distanz, über die ein Widder im Toggenburg Wasser pumpt, beträgt 323 Höhenmeter. Der Alt St. Johanner Arthur Tobler hat diesen Widder für die Versorgung der Alp Hoor unterhalb des Neuenalpspitz nicht nur installiert, er stellt die Widder auch selbst her.

Wasserkraft ausnutzen

Das Prinzip an sich ist einfach, aber überzeugend (siehe Kasten). Die Kraft des Wassers selbst wird dazu genutzt, Wasser aus einer tiefer liegenden Quelle nach oben zu pumpen. Ein Vorläufer dieses Systems wurde bereits 1772 durch den Engländer John Whitehurst erfunden. Dieses musste jedoch noch manuell bedient werden. 1796 liessen in Frankreich Josef Mongolfier und fast zeitgleich in England Matthew Boulton den hydraulischen Widder patentieren. Sie hatten das System unabhängig voneinander so entwickelt, dass es automatisch funktionierte. «Am zu Grunde liegenden System wurde seither nichts mehr verändert», sagt Sepp Schlumpf. Der Lichtensteiger beschäftigt sich seit Jahren mit der Technik der Widder. «Mein Vater hatte einen Widder, der jedoch wegen ungünstiger Montage bei Trockenheit zu wenig Wasser lieferte. Ich musste dann jeweils Wasser schleppen», erinnert er sich zurück. Daher habe er damit begonnen, sich mit der Technik der Widder auseinanderzusetzen. Die Folge: «Widder sind seit den 1940er Jahren mein Hobby Nummer eins», sagt Sepp Schlumpf. Nicht nur baut er selbst Widder ein, er sammelt sie auch leidenschaftlich. Seit einigen Jahren steht ein Teil seiner Sammlung in der Erlebniswelt Toggenburg und zeigt die verschiedenen Systeme, die im Laufe der Jahre hergestellt wurden.

Toggenburger Hersteller

Und Hersteller gab es im Laufe der Jahre viele, denn der Widder wurde im 19. und anfangs 20. Jahrhundert überall eingesetzt. Sie ermöglichten erst den Komfort von fliessendem Wasser und so kam es nach 1850 zu einer massiven Produktionssteigerung, und auch in der Schweiz begannen Firmen damit, solche Pumpsysteme zu fertigen. «Die erste war die Firma Schlumpf Steinhausen, die ab 1885 Widder herstellte», weiss Sepp Schlumpf. Neben einigen weiteren Herstellern, stieg auch Karl Näf aus Schönengrund in die Widderproduktion ein. «Nach seinem und dem Tod seines Sohnes ging auf diesem System lange nichts mehr. Bis Arthur Tobler senior aus Alt St. Johann 1954 dieses System übernommen und es seither fortlaufend verbessert hat», so der pensionierte Chauffeur Sepp Schlumpf.

Interesse steigt wieder

Tobler ist einer der drei heute bestehenden Widder-Produzenten neben Schlumpf Steinhausen und Zahner Uznach. Und: «Das Interesse an Widdern nimmt wieder deutlich zu», sagt Arthur Tobler junior, der diesen Geschäftsbereich genauso wie die gesamte Firma Tobler Haustechnik von seinem Vater übernommen hat.

Nach 1950 sei die Nachfrage wegen der Ausbreitung der elektrischen Pumpen stark zurückgegangen. «Gerade weil man heute wieder vermehrt ohne Strom auskommen möchte, erlebt das System wieder einen Aufschwung», so Arthur Tobler. Das grosse Geschäft sei es jedoch nicht, schon eher eine Leidenschaft. Und zudem eine gute Möglichkeit, die Angestellten während der Wintermonate zu beschäftigen.

Einfach faszinierend

Widder könnten eigentlich überall eingesetzt werden, sagt Arthur Tobler, der auch schon in Australien einen eingebaut hat. Denkbar wäre es gerade auch in Drittweltländern, wo dank Widdern auf einfache und kostengünstige Weise Wasser gepumpt werden könnte. «Was es braucht, ist eine Quelle, die genügend Wasser bringt, sowie genügend Gefälle», sagt er. Wobei: Ganz so einfach ist es dann doch nicht. «Viele Faktoren müssen stimmen und es braucht genaue Berechnungen, bei der das Gefälle, die Quellenleistung und auch die gewünschte Steighöhe einbezogen werden müssen», sagt er. Auch die Wasserqualität müsse immer geprüft werden. Stimmt einer dieser Faktoren nicht, mache die Installation keinen Sinn, da sind sich die beiden Kenner einig. Passen sie jedoch, so bringe ein Widder viele Vorteile: Er braucht keine Fremdenergie und die Unterhaltskosten seien gering.

Und warum wird das System als Widder so bezeichnet? In dieser Frage gehen die Meinungen der beiden Experten auseinander. «Weil er immer in Bewegung ist, wie das Tier», sagt Arthur Tobler. «Weil beim plötzlichen Schliessen des Schlagventils eine Kraft entsteht, wie beim Stoss eines Widders», ist Sepp Schlumpf überzeugt. Wie auch immer es sein mag, in einem anderen Punkt sind sich die beiden gänzlich einig: «Der Widder ist ein absolut faszinierendes Prinzip».

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