Waschweiber und offene Toilettentüren

I nternet ist wichtig. Nicht für jeden Passagier vielleicht, doch das Bedürfnis steigt auch auf Kreuzfahrten unübersehbar.

Michael Hug
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Mitten auf dem Atlantik ist es fast wie im Himmel und man hat den Pool für sich alleine. (Bild: Michael Hug)

Mitten auf dem Atlantik ist es fast wie im Himmel und man hat den Pool für sich alleine. (Bild: Michael Hug)

I nternet ist wichtig. Nicht für jeden Passagier vielleicht, doch das Bedürfnis steigt auch auf Kreuzfahrten unübersehbar. Dem kommt die Besitzerin der «Queen Mary 2», die englische Reederei Cunard, nach und hat darum das ganze Schiff, auch die 1310 «Staterooms» (Kabinen), mit einem WLAN ausgerüstet. Die Verbindung zum Internet stellen Satelliten her, was nach einer kostspieligen Sache tönt und auch ist. Die Minute im Netz kostet 0.75 Dollar, ein 4-Stunden-Paket 89.95 Dollar. Die Verbindungsqualität ist miserabel und das Guthaben ist ratzfatz aufgebraucht. Aber schlecht ist immer noch besser als gar nichts. Gratis ist das Handynetz, auch dieses ist satellitenbasiert und funktioniert für SMS recht gut. Aber Vorsicht: Roaminggebühren!

Europa weg vom Radar

Steuerbordseits (also rechts) der «QM2» zieht der «Bishop Rock» vorbei, das letzte Stück Felsen von England und damit ist Europa weg von Fenster und Radar. Der diensthabende Offizier auf der Brücke programmiert den Autopiloten auf Kurs 270° und das bleibt eine ganze Weile so. Unter dem Schiff zieht schon bald der Mittelatlantische Rücken durch und vielleicht auch das sagenhafte Land «Atlantis». Davon spürt man freilich nichts, von der direkten Umgebung über dem Wasserspiegel aber schon. Windstärken bis 7 Beaufort, Regen, Nebel, heftiger Seegang, Sicht null, und das fast die ganzen sieben Tage. Der Kapitän lässt die Aussenbereiche der oberen Decks wegen des Windes bis auf weiteres sperren. Die Joggenden und Wetterfesten hält das von ihrem täglichen Freigang nicht ab. Zimperlichere Passagiere keuchen derweil im Fitnesscenter auf dem «Stepper» oder lassen sich im Spa pflegen. Höheren Künsten Zugeneigte entspannen sich in der Bibliothek und lächeln den schweissgebadeten Hantelstemmern zu.

Das erste Stück Nordamerika

Kapitän Kevin Oprey informiert täglich punkt zwölf Uhr über die Audioanlage. Unter uns liegt das Neufundländische Becken mit Untiefen von weniger als 60 Metern, nordwestlich in einiger Entfernung seit 100 Jahren die «Titanic» selig auf dem Grund. Und in derselben Richtung, nur noch ein paar hundert Seemeilen weiter weg, das erste Stück Nordamerika: Neufundland. Im Neufundländischen Becken trifft man aber auch auf den Golfstrom, und darum ist das Wasser zurzeit wärmer als die Luft, nämlich 16° Celsius. Nebst den Durchsagen des Käpt'ns gibt es unter den 42 TV-Kanälen auch welche, die nicht nur alle zwei Stunden denselben Film wiederholen oder über Börsengänge und Morde informieren, sondern über die Route der «QM2» und die Bedingungen dabei. Natürlich in der Bordsprache Englisch, doch dafür, dass Deutschsprechende das Wichtigste nicht verpassen (oder anderweitige Probleme haben), ist die Hamburgerin Berenike Kovermann zuständig (Tel.-Nr. 22343).

Denn es gibt einiges zu verpassen: die Vorführung des Weltalls im «Planetarium» zum Beispiel, den Bridge-Kurs, das «Texas Hold'em»-Pokerturnier, das Premier-League-Spiel Newcastle Utd. vs. Sunderland (live!), die Führung durch die Hauptküche, das Treffen der Alleinreisenden (mit Dance Hosts), den Termin bei der Nagelpflegerin, den samstäglichen Maskenball (im Smoking/Abendkleid), den katholischen Gottesdienst, den Früchte- und Obstschnitzkurs, den Kurs «Using an iPad», das «Andy Hugett Jazz Trio» im Chart Room, das Casting für die Talentshow der Passagiere, die Versteigerung der Seekarte dieser Reise und vor allem nicht die Zeitumstellungen. Fünfmal wird die Schiffsuhr in der Nacht zurückgestellt, fünfmal dauert der Tag eine Stunde länger – fünfmal länger schlafen. Sofern einem dies ermöglicht wird.

Offene Toilettentüren

Nur zwei Lärmquellen stören die Erholung auf der «QM2»: Das Geschwätz der «Waschweiber» in der «Laundrette», dem kostenlosen Waschsalon (sofern man seinen «Stateroom» gleich daneben hat) und das Schletzen der Kabinentüren, die allesamt mit einem recht kräftigen Türschliesser ausgerüstet sind. Keinen Mucks machen die Toilettentüren. Sämtliche WC-Türen in den öffentlichen Bereichen sind nämlich offen, und das hat seinen Grund: Norovirus. Es ist, gemessen am Vermeidungs- und Informationsaufwand, die wohl zweitmeist gefürchtete Gefahr auf einem Schiff nach dem Feuer. Bereits auf der zweiten Seite im Bordinformationsbuch wird darauf hingewiesen, wann und wie oft sowie wie lange und mit was man die Hände waschen sollte. Dass man Türfallen und Handläufe (ausser bei hohem Seegang) tunlichst meiden und das tägliche Geschäft möglichst auf der Toilette seiner Kabine verrichten sollte. Dass man die Desinfektionsmittelspender vor den Restaurants und Bars bei jeder Gelegenheit nutzen sollte. Wenn dann doch unten oder oben (wenn nicht der Seegang dafür der Grund ist) etwas heraus will oder muss, sollte man nicht zum Schiffsdoktor rennen, sondern in die eigene Kabine, dort bleiben und die Telefonnummer 999 wählen.