Waschechte Fake-News

Sonntagsgedanken

Michael Steuer
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Morgen ist es wieder soweit. Landauf, landab versuchen mehr oder minder alle Menschen mit Humor andere in den April zu schicken. Auf Neudeutsch formuliert: Sie feiern den «Tag der waschechten Fake-News».

Kinder erfreuen sich daran, wenn vor allem Erwachsene auf ihre kleinen Hinweise hereinfallen, und nach etwas Ausschau halten, das es gar nicht gibt, um dann triumphierend «April! April!» zu rufen. Die Artikel in den Printmedien sollte man an diesem Tag genau lesen und auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen, und für einmal nicht allem Glauben schenken, das in der Zeitung steht.

Keine passende Antwort auf diese Frage

Sicherlich wird es auch wieder so sein, dass wir bei der ein oder anderen Nachricht ins Grübeln kommen, ob das nun der April-Scherz ist oder ob das wirklich wahr ist, was da zu lesen ist. Doch was ist wahr? Diese Frage erinnert mich an die bevorstehende Karwoche und somit an die Frage des Pontius Pilatus an Jesus: «Was ist Wahrheit?» (Joh 18.38), auf die er keine Antwort bekommt. Auch ich habe keine passende Antwort auf diese Frage. Einzig der Gedanke an die zwei Seiten der Wahrheit kommt mir in den Sinn, und erinnert mich an das diesjährige Hungertuch von Fastenopfer und Brot für alle, das derzeit in vielen Kirchen zu sehen ist.

Das Hungertuch zeigt zwei Gesichter, die sich anschauen. Das linke in Grüntönen gehalten, das rechte in Gelbtönen. Dazwischen ist eine feine weisse Trennlinie zu erkennen, welche die beiden Bildhälften trennt oder wie ein Spiegel verbindet. Das grüne Gesicht wird zum Spiegelbild des gelben Gesichtes oder umgekehrt. Es bleibt offen, welches Original und welches Spiegelbild ist, nicht nur weil sich die Gesichter unterscheiden. Genau so offen bleibt die Frage, was wahr ist. Denn während ein rein optischer Spiegel genau das wieder gibt, was an optischen Signalen wider ihn oder auf ihn fällt, gleicht die Wieder- und Weitergabe der Wahrheit einem Filterprozess. Das Wahrgenommene wird schon bei der Wahrnehmung durch unseren Erfahrungsschatz, durch unsere Einstellungen, durch unsere Vorlieben und einiges mehr gefiltert. Bevor wir diese Filterwahrheit weitergeben, wird sie ein nächstes Mal gefiltert oder genauer formuliert parat zur Ausgabe gemacht. Ein Sprichwort zielt genau auf diesen Punkt. «Wie sage ich es meinem Kinde?» ist die Frage, die Menschen seit alters her umtreibt, wenn es darum geht Wahrheiten, meist mir oder dem Gegenüber nicht liebe Wahrheiten, zu vermitteln.

Da wird dann schon mal aus einer grünen eine gelbe oder aus einer gelben eine grüne Wahrheit, die sich nicht nur in der Ursprungsfarbe unterscheiden. Das liegt in der Natur der Sache, denn wir Menschen nehmen unsere Welt unterschiedlich wahr und halten Unterschiedliches für wahr. Da mag es am 1. April auch eine waschechte Fake-News verleiden, die dann fröhlich als solche entlarvt wird.

Doch wenn wir weiter so machen, wie es derzeit den Anschein hat und einander im Alltag bewusst ein gelb für grün vormachen, also Fake-News verbreiten. Dann wird nach der Wahrheit das Vertrauen der Menschen ineinander auf der Strecke bleiben und letztlich die Lebensfreude von der Angst zu leben verdrängt werden. Haben wir also auch weiterhin den Mut zu unserer Wahrheit zu stehen, gerade wenn sie von den Wahrheiten anderer abweicht, denn so entsteht in gegenseitiger Achtung eine farbenfrohe Welt. Übrigens am unteren Rand des Hungertuches ist zu erkennen, wie sich die beiden gegenseitig mit ihren Händen an den Schultern stützen.

Michael Steuer