Was sind schon 200 Hotelbetten?

Speerspitz

Sabine Schmid
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Reisen erweitert den Horizont. Damit meine ich nicht nur, dass ich meinen Blick über weite Felder oder das offene Meer schweifen lassen kann und er nicht am nächsten Berg gestoppt wird. Ich schaue mir auf meinen Reisen viel an, lese Erklärungen dazu und kehre mit vielen Gedanken und Erinnerungen wieder nach Hause.

Wie es wohl damals dort ausgesehen hat, dachte ich mir kürzlich bei einem Aufenthalt an der Ostseeküste. Noch vor drei Jahrzehnten waren die Orte hinter dem «Eisernen Vorhang». Heute zeigen sich die Häuser entlang der Strandpromenaden als schmucke Villen, schön renoviert. Bilder von leeren Regalen in Läden und den verschiedenen Einschränkungen für die Bevölkerung der DDR wollen nicht zu den neuen Eindrücken passen mit Souvenirläden, Glacéständen und freundlichen Cafés mit grossen Sonnenterrassen. Gestaunt und klein gefühlt habe ich mich beim Anblick von Prora. Die Ferienanlage, die Mitte der 1930er-Jahre gebaut wurde, erstreckt sich über rund vier Kilometer und hätte Platz für 20000 Feriengäste geboten. Hätte. Denn wegen des Zweiten Weltkriegs wurden die Bauarbeiten eingestellt und in der DDR wurden die Gebäude vor allem für militärische Zwecke genutzt.

Ob sich damals einer der Planer um die Befindlichkeit der Einwohner geschert hat? Ich glaube nicht. Ungefragt wurde ihnen Prora in die Nachbarschaft gesetzt. Wie gut haben wir es in der Schweiz, wo wir über die Ansiedelung eines Hotels mitreden können. 200 neue Hotelbetten seien zu viel, war schon von den Gegnern zu hören. Wirklich? Was würden sie wohl zu einem Ferienkoloss à la Prora sagen?

Sabine Schmid

sabine.schmid@toggenburgmedien.ch