Was macht der Wiler Bär im Chianti?

Die Mitglieder des Kunstnetzwerks ohm41 sind von einer Projektreise in die Toscana zurück. Nach der Rückkehr gaben Markus Eugster, Co-Vizepräsident, und Roland Rüegg, Toggenburger Mitglied, Auskunft über die Aktion.

Michael Hug
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Machen sich im In- und Ausland Gedanken zur Kunst am Bau: Die ohm41-Netzwerkkünstler Roland Rüegg (links) und Markus Eugster. (Bild: Michael Hug)

Machen sich im In- und Ausland Gedanken zur Kunst am Bau: Die ohm41-Netzwerkkünstler Roland Rüegg (links) und Markus Eugster. (Bild: Michael Hug)

Was war der Grund der Reise des Kunstnetzwerks ohm41 nach Panzano in Chianti?

Markus Eugster: Grund war das Svit-Projekt. In diesem Projekt haben wir auch auf die Wiler Bergholz-Situation angespielt. Wir zeigten mit einfachen Mitteln, dass es auch anders geht. Ein finanzkräftiges Konsortium will eine unterirdische Schnellbahn im Gebiet erstellen. Dazu hat der Bürgermeister eingeladen, vorweg eine symbolische Geste an die zukünftige Bahnsituation zu erstellen. Ohm41 hat mit der Stele des Wiler Bären reagiert.

Roland Rüegg: Wir wollten mit der Aktion den Modus umkehren, dass nämlich zuerst die Kunst kommt und erst dann der Bau!

Welche Idee steckt hinter dem Bären, der für die Stadt Wil steht?

Eugster: Die Bewohner von Panzano auf das zukünftige Projekt zu sensibilisieren und mit der Grundsteinlegung das Projekt zu bekräftigen.

Rüegg: Das Programm sah vor, eine Fiktion für eine sogenannte Kunst am Bau zu schaffen, die Region dafür zu sensibilisieren und daraus eine Akzeptanz für unseren Bären herzustellen.

Wie war die Aufgabenteilung innerhalb der Gruppe?

Rüegg: Alle trugen gemäss ihren Fähigkeiten einen Teil dazu bei. Das Vorgehen wurde im Vorfeld intensiv diskutiert.

Eugster: Die Steinbildhauer, Eisenplastiker und Filmer unter uns waren mit dem Projekt Stele/Obelisk beschäftigt, während die Performer und Konzeptionalisten Teil des Konsortiums Svit Transit AG waren. Das Konsortium war auch Ansprechpartner gegenüber den offiziellen Stellen.

Warum war das Ziel der Reise ausgerechnet ein kleines Dorf mitten in Rebbergen und Olivenhainen?

Markus Eugster: Es war das erste Mal, dass ohm41 für ein Projekt ein kleines Dorf aussuchte. Sonst waren es immer Grossstädte. Die Gemeinde Greve, zu der Panzano gehört, ist der Mittelpunkt im Chiantigebiet mit 14 000 Einwohnern und flächenmässig einer der grössten Gemeinden Italiens. Man könnte es auch ein wenig mit Wil vergleichen.

Rüegg: Eigentlich spielt es keine Rolle, wo wir auftreten, wichtig ist die Geschichte, die wir erzählen, und hier im kleinen Chiantidorf erschien ein Bahnhof von dieser Grösse so visionär und utopisch, dass wir es einfach ideal fanden, das Unmögliche möglich zu machen.

Wie war der Empfang in der Gemeinde?

Eugster: Die ganze Gruppe wurde offiziell von Sindaco Alberto Bencistà und seiner Kulturbeauftragten Alessandra Molletti im Saal Giovanni da Veranzano empfangen. Dort stellte der Gemeindeammann die momentane verkehrstechnische Situation des Gebiets dar.

War es einfach, auf dem Dorfplatz eine Kunstaktion durchzuführen?

Eugster: Da der Sindaco nach anfänglicher Zurückhaltung Feuer und Flamme für uns war, war es ein kleines, eine provisorische Verfügung für das Projekt zu bekommen. Wer sagt denn da, die Mühlen mahlen langsam in Italien? Überhaupt die Aufgeschlossenheit und Aufmerksamkeit der Behörden, besonders des Gemeindepräsidenten, überraschten uns.

Rüegg: Ja wirklich, sogar der Pfarrer kam vorbei und segnete die neue Skulptur.

Wie stellte sich die Bevölkerung dazu, gab es einen öffentlichen Diskurs?

Eugster: Nach anfänglicher Skepsis wurde das Projekt rege diskutiert. Die Bevölkerung ereiferte sich teils sehr, dass sie für kleine Änderungen keine Baugenehmigung bekomme, und jetzt komme da so schwerreiches Konsortium, die können sogar Tunnels bauen und utopische Bahnhöfe. Die Diskussion, so hörten wir, wurde eigentlich erst angeschoben, als wir schon auf der Rückreise waren.

Rüegg: Es stellte sich heraus, dass – wie könnte es anders sein – die Bevölkerung des einen Dorfes, also Greve, ganz andere Interessen hat als die vom benachbarten Panzano. Die Reaktionen reichten von kompletter Ablehnung bis zu begeisterter Zustimmung

Wie muss man den Bezug der Aktion zur Stadt Wil sehen?

Rüegg: Wil hat seine Kunst am Bau im Bergholz verbal fiktiv kommuniziert, wir kehren den Spiess um und bringen den fiktiven Bau für die Kunst.

Eugster: Wir sind eine Wiler Truppe und verbreiten unseren Esprit in die Welt hinaus – genau so, wie es der Pfarrer bei der Segnung des Objektes sagte. Wir bauen Verbindungen, wie es das Projekt zeigt. Wir Wiler konnten unsere typische Wiler Überheblichkeit, alles besser zu machen als andere, im ungezwungenen Miteinander mit den Italienern erfahren.

Glauben Sie, dass Ihre Aktion hier in Wil wahrgenommen wird?

Eugster: Nein. Wil ist zu selbstverliebt.

Rüegg: Es ist eine humorvolle Antwort auf den neuen Wiler Kulturleitfaden, und bewirkt diesbezüglich im besten Falle eine zukünftige ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema seitens der Stadt.

Meinen Sie nicht, dass Ihre Anliegen besser hier vor Ort demonstriert werden sollten?

Eugster: Wieso auch? Das machen wir schon genug – und bei einer Demonstration schlägt man sich ja schliesslich nur die Köpfe ein.

Rüegg: Wenn wir unsere Anliegen kommunizieren und in die Medien bringen wie gerade jetzt, kommt die Geschichte ja auch aufs Tapet.

Welches Fazit hat die Gruppe aus dem Projekt gezogen?

Eugster: Irgendwo zwischen Leere und Lehre spielt sich das Ding da ab. Die Welt ist rund, die ohm-Kunst bleibt ein Tor zur Erkenntnis.

Rüegg: Nein im Ernst, ich finde, wir haben wieder eine erfolgreiche Aktion durchgeführt.

Sieht das Projekt eine Fortsetzung hier in Wil vor?

Rüegg: Mein Wunsch wäre die ernsthafte Auseinandersetzung der Verantwortlichen in der Stadt Wil mit dem Kulturprozent bei öffentlichen Bauten.

Eugster: Der Gemeindepräsident möchte nur zu gerne mit Wil eine Städtepartnerschaft eingehen. Ob das möglich ist, bleibt abzuwarten. Da müsste Wil noch ein paar Hausaufgaben machen.

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