Was ist für das Rutschgebiet das Beste ?

Man hört immer wieder die Meinung, das Beste um den Tobelackerhang zu sichern wäre, wenn dieser komplett überbaut würde?

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Man hört immer wieder die Meinung, das Beste um den Tobelackerhang zu sichern wäre, wenn dieser komplett überbaut würde?

Auf den ersten Eindruck hat diese Meinung etwas für sich. Eine Überbauung ergibt, wenn sie einmal komplett erstellt ist , für die darunterliegenden Häuser einen gewissen Schutz. Nach eingehenden Gesprächen mit Fachleuten komme ich jedoch zu folgenden Schlüssen:

1. Faktor Zeit: Man kann keinen Bauherr zwingen, in kurzer Zeit eine Überbauung mit circa acht Wohnbauten zu erstellen. Dabei kommt erschwerend dazu, dass die Erschliessung sehr problematisch ist – und die notwendigen Weg- und Fahrrechte nicht beziehungsweise nur zum Teil vorhanden sind. Dazu ist zuerst ein Quartierplanverfahren mit Sonderbauvorschriften auch zum Schutz der zukünftigen Neubauten notwendig. Dies alles wird Jahre gehen – und in der Zwischenzeit kann keine umfassende Hangsicherung vorgenommen werden.

Somit wird in Kauf genommen, dass der Hang bei einem der nächsten Unwetter wiederum ins Rutschen kommt. Und man kann nicht davon ausgehen, dass es jedesmal ohne Schäden an Leib und Leben abläuft. Es ist also unverantwortbar, in der Zwischenzeit auf «gut Glück» zu hoffen.

2. Periode während der Bauzeit: Während dieser Zeit ist das Gefahrenpotenzial besonders gross. Kommt es während den Aushubarbeiten zu einer massiven Hangrutschung, können grosse Mengen von Aushubmaterial, Baumaterialien und Baumaschinen mitgerissen werden. Ein solches Szenario würde alle bisherigen Schadenausmasse um ein Vielfaches übertreffen. Es ist auch aus dieser Sicht unverantwortlich, auf eine schnelle Sicherheit mit einer Überbauung zu hoffen.

3. Was, wenn die Häuser nicht oder nur schleppend verkauft werden können? In diesem Fall ist es so gut wie sicher, dass die Bauarbeiten eingestellt werden, und Teile des Hanges über weitere Jahre ungesichert sind. Da die Kosten einer solchen Überbauung (Felsaushub, komplizierte Erschliessung, Sonderbaumassnahmen für die Sicherheit) immens sind, ist auch dieses Szenario nicht unwahrscheinlich. Schon einmal wurde im Tobelacker eine Überbauung erst nach Jahren und nach Konkursen fertig gestellt. Dies wäre nicht nur wegen der Sicherheit des Hanges fatal, sondern auch, weil dann während Jahren unhaltbare Zustände (in Bezug auf Erschliessung, Weiterbauen, Image des Gebietes und so weiter) die Folge wären.

4. Schneeschutzbepflanzung ergibt ein zusätzliches Gefahrenmoment: Angenommen, die neue Überbauung würde sofort realisiert, so wären immer noch grosse Gefahrenmomente vorhanden. Wenn die neuen Häuser mit zu grossem Zwischenabstand erstellt werden, ist es immer noch möglich, dass ein Rutsch zwischen den Häusern durchdringt. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass ein solcher dannzumal auch grosse, schwere Tannen und Bäume der Schneeschutzbepflanzung mitreisst – oder diese sogar zum Auslösen eines Rutsches beitragen. Abgesehen von Sturmwürfen, die für die neue Bebauung ein zusätzliches Risiko ergeben werden. Beim aktuellen Ereignis vom 10. Juli hat es sich gezeigt, dass ein Abriss auch ganz oben am Hang möglich ist. Und sind die Bäume einmal gross und schwer, erhöht sich die Gefahr, dass gerade auch dort wieder Rutschungen ausgelöst werden. Es ist ja bekannt, dass der felsige Untergrund im ganzen Hang sehr hoch liegt – und deshalb die Bäume sich mit dem Wurzelwerk nicht richtig verankern können. Zudem bekommen grosse Bäume – wenn sie einmal gleiten – durch das Eigengewicht eine hohe Gleitgeschwindigkeit, was wiederum sehr gefährlich ist, und noch grössere Schäden verursachen kann. Es gibt somit ehrbare Gründe, die für eine sofortige Auszonung mit anschliessender bautechnischer Sicherung (verankerte Stützbauwerke, separate und umfassende Entwässerung des gesamten Hanges) sprechen. Wenn früher Fehler gemacht wurden, heisst das nicht, dass diese nun aus kurzsichtigen Kostengründen zu wiederholen sind. Früher hatte man noch nicht die Erkenntnisse der Schadenhäufigkeit – und vor allem bestand das Instrument der Gefahrenkarten noch nicht, welches ein einfaches und kostengünstiges Auszonen ermöglicht. Wenn man es richtig macht, können dadurch für die nachfolgenden Sicherungsmassnahmen erhebliche Bundes- und Kantonsbeiträge erwirkt werden.

Erich Schärer

Geren 715

9015 Schwellbrunn