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Was für ein Aufmarsch

Ich liebe unangemeldete Besucher meist nicht sonderlich, denn ich bevorzuge es, alleine in meinen Bibliotheksräumen umherzustromern, bei klassischer Musik meine Pfeife zu rauchen, ein Glas Rotwein zu trinken, in meinem Drehfauteuil zu lesen, zum Beispiel Sarah Kirsch (ohne Kirsch).
Paul Gisi

Ich liebe unangemeldete Besucher meist nicht sonderlich, denn ich bevorzuge es, alleine in meinen Bibliotheksräumen umherzustromern, bei klassischer Musik meine Pfeife zu rauchen, ein Glas Rotwein zu trinken, in meinem Drehfauteuil zu lesen, zum Beispiel Sarah Kirsch (ohne Kirsch). Doch da läutete es an meiner Hausglocke, und der Breslauer Liederdichter und Epigrammatiker Angelus Silesius stand lächelnd vor meiner Wohnungstür, wünschte mir einen guten Abend, und sprach: «Darf ich eintreten?» Da konnte ich natürlich nicht Nein sagen. Ich erinnerte mich an seinen «Cherubinischen Wanders-Mann». Wir disputierten lebhaft über Gott und die Welt, als es wiederum an meiner Wohnungstür klingelte, und der Komponist Luigi Boccherini wünschte mir einen guten Abend und sprach freundlich: «Ich wollte bloss einmal bei Dir vorbeischauen.» Ich hiess ihn selbstverständlich freundlich einzutreten. Ich öffnete eine weitere Flasche Châteauneuf-du-Pape, holte einen Stuhl, und ich stellte mich auf ein erweitertes Gespräch ein, ohne die Möglichkeit, in meinen Bibliothekszimmern umherzustolpern. Als wir zu dritt so richtig im Gespräch waren, läutete es wiederum, und der Maler Marc Chagall begrüsste mich, ich holte wiederum einen Stuhl aus der Küche, öffnete eine weitere Flasche Rotwein, um so richtig ins Gespräch zu kommen über Kunst und die Gesellschaft, mit einem Liederdichter, einem Komponisten und einem Maler. Und als ob mir nichts erspart bliebe, war der nächste Besucher ein Philosoph, E. M. Cioran. Und dann kamen noch der Schweizer Le Corbusier, der Architekt, der Chinese Laotse, der Stille, der eitle Deutsche Thomas Mann, die französische Existenzialistin Simone de Beauvoir, wir mussten uns längst auf den Boden setzen, da ich nicht mehr so viele Stühle hatte, der Physiker Max Born gestikulierte wild, ein Politiker, der sich zu mir verirrt hatte, sprach dummes Zeug, ein Gespräch war nicht mehr möglich, es war ein Tohuwabohu von Ansichten und Meinungen. Gegen den Morgen hin gesellte sich der indische Mystiker Sri Aurobindo zu uns, und der spanische Lyriker Vicente Aleixandre suchte auch noch einen Whisky, die österreichische Lyrikerin Christine Busta bat schlicht um einen Espresso. – Damit ein solcher Besucherstrom nicht zu oft passiert, habe ich die Haustürglocke abgestellt.

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