«Was den Leuten Hoffnung gibt»

Franz Rechsteiner wuchs in Appenzell auf, besuchte dort das Gymnasium und wurde Kapuzinermönch. Später lernte er seine Frau kennen, trat aus dem Orden aus und arbeitet seither als Komponist und Musiker in Thalwil. Ein Gespräch über Ostern, den Koran und einen Sesseltanz.

Guido Berlinger-Bolt
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Bild: Guido Berlinger-Bolt

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Thalwil. Es liegen Welten zwischen dem Appenzell seiner Jugend und dem Thalwil der Gegenwart. Franz Rechsteiner wuchs in der Kanzlei im Innerrhoder Hauptort auf; sein Vater und später einer seiner Brüder waren die letzten beiden Landschreiber. Der 70-Jährige erinnert sich gerne an die Zeit, die sein Leben sehr stark prägen sollte.

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Der Zug flog in sieben Minuten vom Hauptbahnhof Zürich durch den Zimmerbergtunnel bis nach Thalwil. Nicht mehr in der Stadt und noch nicht auf dem Land hält er an: Hier folgt auf jede Quartierstrasse eine nächste; auf wenige ältere, zum Teil herrschaftliche Häuser folgen kleinere, neuere, moderne, postmoderne Bauten. Thalwil hat 16 500 Einwohnerinnen und Einwohner – eintausend mehr als ganz Appenzell Innerrhoden. Unten glitzert tiefblau der Zürichsee; die Bäume zwischen den Häusern treiben ihre Blüten, die Vögel zwitschern: Frühling in Thalwil.

In einem der älteren Mehrfamilienhäuser steigen wir die Treppe hoch; oben wartet Franz Rechsteiner. Über eine steile Stiege erklimmen wir gemeinsam den Dachstock. Und staunen. Unter dem Giebel steht eine italienische Kirchenorgel aus dem 17. Jahrhundert. «Meine Frau ist international tätige Konzert-Organistin», sagt er. Hinter einem grossen und schweren Schreibtisch liegen seine Geige und seine Bratsche; Bücher überall und Musikliteratur. Franz Rechsteiner schliesst die Falltüre im Boden. Hier oben ist er für sich.

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Hier oben pflegt er seine Instrumente, wie er sagt, spielt täglich ab sechs Uhr in der Früh während einer bis anderthalb Stunden Geige oder Bratsche. Violine und Musiktheorie hatte der heute 70-Jährige einst studiert; Musiklehrer sollte er werden im Kapuzinergymnasium in Stans. Nun, es kam anders.

Nach dem Frühstück zieht er sich jeweils wieder hierher zurück, beugt sich über theologische Fachliteratur zu Judentum, Christentum und Islam und studiert parallel dazu den Text des Korans. «Die Konflikte auf der Welt», erklärt er sein Interesse, «lassen mich natürlich nicht kalt.» Daraufhin betreibt er seine Hebräischstudien – weil er den Klang dieser Sprache so sehr liebt, wie er sagt; deshalb, und um geistig fit zu bleiben, lernt er einige Psalmen auswendig. Auch auf diesem Gebiet ist Franz Rechsteiner alles andere als ein Laie: Sein Erststudium war das der katholischen Theologie. Franz Rechsteiner trat nach der Matura im Kollegium St. Antonius in Appenzell dem Kapuzinerorden bei und erhielt von diesem die Möglichkeit des Studiums der Theologie und der Musik. Noch heute, sagt er, sei er dem Orden tief verbunden. Noch heute sei er ihm dankbar. Auch wenn er nach 20 Jahren als Mönch in Rom um seinen Austritt ersucht hatte. Doch das hatte nichts mit der Theologie zu tun, schon eher mit der Musik und noch mehr mit der Liebe. Franz Rechsteiner lernte an seinem Arbeitsort an der Akademie für Schul- und Kirchenmusik (heute die Musikhochschule Luzern) seine jetzige Frau, Monika Henking, kennen. Sie wollten heiraten.

Mit der Begegnung mit seiner Frau sei ihm «etwas ganz Gutes widerfahren», wie er in der ihm eigenen Bescheidenheit sagt. «Ich war sehr gerne im Orden, und dennoch spürte ich, dass ich nicht der geborene Mönch bin.» Eine Zeitlang habe er einen Sesseltanz vollführen müssen. Seither, seit dem Austritt aus dem Orden 1981, arbeitet Franz Rechsteiner als Musiker und Komponist. Der Komposition wendet er sich denn auch im Verlauf des Tages zu, bevor er gegen Abend zusammen mit seiner Frau einen Spaziergang unternimmt im Sihlwald, der fast unmittelbar hinter der Häuserzeile beginnt.

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Wenn er erzählt, tut Franz Rechsteiner dies mit gewählten Worten, er spricht langsam, gedämpft, nicht aber ohne zwischendurch immer wieder schmunzeln zu müssen. Etwa dann, wenn er vom Schabernack erzählt, den die Jungen, die Ministranten einst trieben hinter der in Appenzells St. Mauritius-Kirche aufgestellten Nachbildung des heiligen Grabs. «Die Karwoche und Ostern in Appenzell, das war jeweils eine sehr dichte Zeit für mich», erzählt er. «Eine Zeit, die mich stark fasziniert hat.» Ostern reisse neue Dimensionen auf, sagt er und wirft einen (theologischen)Blick in jene Zeit, da in Jerusalem über den Führer einer kleinen jüdische Sekte die im höchsten Grad schmachvolle Todesstrafe verhängt wurde: «Einer, der den Tod am Kreuz stirbt», sagt Franz Rechsteiner, «muss nach damaligem, nicht nur jüdischem Verständnis, von Gott total verlassen gewesen sein.» Noch vor der Vollstreckung seien die Jünger aus der Stadt geflohen, völlig entmutigt. Um kurze Zeit später wieder aufzutauchen. – Etwas Gewaltiges musste passiert sein, etwas in einer völlig neuen Grössenordnung, das jede Dimension sprengt, glaubt Franz Rechsteiner. «Irgendetwas müssen die Jünger erfahren haben, dass sie wieder Hoffnung schöpfen konnten», sagt er. Und: «Etwas, das auch mir heute Hoffnung geben kann, Hoffnung, dass es weitergeht, dass das Leben einen Sinn hat – obwohl wir null und nichts wissen über das Leben nach dem Tod. Es bleibt die Hoffnung.» Deshalb übt Ostern auf den Musiker und Theologen noch heute eine grosse Anziehungskraft aus: «Ich kann es mir nicht erklären, und dennoch weiss ich: Da ist etwas, was mich stark berührt. Das Leben ist stärker als der Tod, das ist für mich die Kernbotschaft des Osterfests.»

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Als Musiker und Komponist der er auch ist, habe er die Möglichkeit einer anderen Ausdrucksweise als ein Prediger, sagt Franz Rechsteiner. Drei Werke für den Ostergottesdienst hat er geschrieben – sie können sowohl in der reformierten als auch in der katholischen Kirche aufgeführt werden. Die biblischen Szenen der Kreuzigung, Verzweiflung und Auferstehung setzte er musikalisch um – «damit der Ostergottesdienst für die Menschen ein emotionales Erlebnis wird». Dass dafür, und gerade für seine Musik, einführende Worte ans Kirchenpublikum nötig sind, weiss der Komponist Rechsteiner sehr wohl. Franz Rechsteiner nämlich löst die gängigen Tonarten auf, sucht kompromisslos nach neuartigen Klängen, nach neuen harmonischen Abfolgen, nach etwas also, das für die meisten Musikhörerinnen und -hörer fremd klingt, ihren Hörgewohnheiten widerspricht. Als Komponist ist er – vielleicht deshalb – hierzulande ein nahezu Unbekannter. Dessen ist er sich bewusst: dass seine Musik einen relativ kleinen Kreis von Hörerinnen und Hörern interessiert. Franz Rechsteiner weiss lediglich von einer einzigen Aufführung eines seiner Werke in seiner alten Heimat. Er sagt: «Ich kann das verstehen: Es ist eine Musik, die zu andern Ufern aufgebrochen ist. – Allein, ich kann mich nicht anders ausdrücken.»

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An Franz Rechsteiners Feierabenden stehen Konzertbesuche auf dem Programm, oder er und seine Frau hören gemeinsam Musik, spielen Spiele, diskutieren miteinander. Einen Fernseher gibt es in dieser Wohnung nicht. Und wer Franz Rechsteiner zuhört, der weiss, dass er damit nichts, aber auch gar nichts verpasst.