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Wann wird ein Flüchtling zum Kunstwerk?

LICHTENSTEIG. Gelbschwarzes Absperrband, dahinter zwei Stühle, auf denen zwei fremdländisch aussehende jüngere Männer sitzen – es sind Flüchtlinge, stumm, etwas gelangweilt.
Hinter Abschrankung: Der Mann aus Algerien (links) im Gespräch mit einem Besucher. (Bild: Hansruedi Kugler)

Hinter Abschrankung: Der Mann aus Algerien (links) im Gespräch mit einem Besucher. (Bild: Hansruedi Kugler)

LICHTENSTEIG. Gelbschwarzes Absperrband, dahinter zwei Stühle, auf denen zwei fremdländisch aussehende jüngere Männer sitzen – es sind Flüchtlinge, stumm, etwas gelangweilt. Man befindet sich in der Kunstausstellung «Kalbt's?» der jungen Ausstellungsmacherinnen von Arthur Junior in der Kalberhalle Lichtensteig. Vielleicht hat man schöne Bilder, fröhliche Skulpturen und schwer verständliche Videos erwartet. Das wird einem auch geboten. Eben Kunst. Aber die beiden Flüchtlinge sind keine Kunstwerke, sondern einfach echte Menschen. Der 20jährige Lobsang Reichlin aus Krummenau hat die beiden engagiert. Sie sind freiwillig gekommen, ohne Honorar. Was haben die beiden in einer Kunstausstellung zu suchen? Die Abschrankung soll auf die «Isolation und Abgrenzung in den Asylzentren» aufmerksam machen, und die Besucher mit einer Realität konfrontieren, die sonst weit weg ist, schreibt Lobsang Reichlin im Ausstellungsführer.

In Tradition der Aktionskunst

Politische Aktionskunst gibt es schon seit Jahrzehnten und ist in den 1960er Jahren als Happening oder Performance zum Inbegriff provokativer Aktionen im öffentlichen Raum geworden. Auch Aktionskunst mit Flüchtlingen ist nichts Neues. Legendär und weltweit beachtet war die provokative «Big Brother»-Aktion «Ausländer raus!» von Christoph Schlingensief. Im Rahmen der Wiener Festwochen 2000 hatte dieser einen Container mit Flüchtlingen als Bewohner aufgestellt. Via Internet-Voting konnten sie wie beim Vorbild «Big Brother» täglich abgewählt werden, was in ihrem Fall Abschiebung bedeutete. Die Kunstaktion wurde zu einem Film verarbeitet, der das Containerleben und die heftige Reaktion in der Öffentlichkeit dokumentiert.

«Die Leute sind sehr nett»

Gar so provokativ geht es in der Lichtensteiger Kalberhalle nicht zu und her. Die Installation ist angenehm auf das Minimum reduziert. Keine Zuspitzung, keine Plakate mit fremdenfeindlichen Parolen, keine Medienkritik – als politische Aktionskunst darum fast schon zu brav. Trotzdem wirkt die Aktion ungewohnt und mancher kritisiert Lobsang Reichlin, dass er die Flüchtlinge so ausstelle. Andere sagen bewundernd, da müsse erst eine solche Ausstellung kommen, damit man mal ins Gespräch komme mit einem Asylbewerber oder Flüchtling.

Die beiden Flüchtlinge sind tatsächlich ausgestellt, ein bisschen wie im Zoo. Viele Besucher zögern, die beiden anzusprechen, vertiefen sich lieber in den Ausstellungsführer. Ablehnend reagiert kein Besucher. «Die Leute sind nett, fragen, woher ich komme, wo ich wohne und wie lange ich schon der Schweiz bin», sagt Alpaslan Jerlikaya. Der Türke ist 27 Jahre alt und hat in der Schweiz Asyl erhalten – er war als Kommunist verfolgt und wegen seiner Parteizugehörigkeit jahrelang im Gefängnis. Alpaslan Jerlikaya ist Hilfslehrer an der privaten Sprachschule Integra, an der Lobsang Reichlin Deutschkurse gibt.

Kunst-Spiel mit Bedeutungen

Lobsang Reichlin ist von Beruf Kaufmann und Sohn tibetischer Flüchtlinge, die als Pflegekinder in den 1960er Jahren in die Schweiz gekommen sind. Sein Kunstwerk heisst «Girlen» und nimmt Bezug auf die temporäre Asylunterkunft in Ebnat-Kappel. «Die Abschrankungen sind ein Zeichen für die Isolation, die Abgrenzung», erklärt Lobsang Reichlin. «Man redet über Flüchtlinge, man sieht sie am Bahnhof, man stimmt über sie ab. Aber man begegnet ihnen nicht.» Als Künstler will sich Lobsang Reichlin nicht bezeichnen. Er spricht lieber davon, dass er Bedeutungen nicht einfach hinnehmen wolle. «Das ist überhaupt meine Lebenseinstellung: Immer hinterfragen.»

Auch der zweite Flüchtling ist 27 Jahre alt. Er kam als Menschenrechtsvertreter 2010 nach Genf, um über seine Volksgruppe der Kabylei zu berichten, die mehr Rechte in Algerien verlangt. Seine Rede und ein Bild, auf dem er die Kabylei-Fahne schwenkt, machten ihn in Algerien unbeliebt. Er zog es deshalb vor, in der Schweiz ein Asylgesuch zu stellen. Die Stärke der Installation, im Fremden den guten Flüchtling vorzufinden, ist gleichzeitig ihre Schwäche: Lernt man die beiden nämlich kennen, hat man zwei Vorzeige-Flüchtlinge vor sich. Das Werk löst statt Irritation Erleichterung aus.

Hansruedi Kugler

«Kalbt's», noch bis 24. Juni, jeweils Samstag und Sonntag, 11 bis 18 Uhr Kalberhalle Lichtensteig

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