Walter Grässlis Grau ist farbig

Der Wattwiler Künstler und ehemalige Zeichnungslehrer Walter Grässli ist bekannt für seine Übungen in Farbgestaltung. Die wendet er nicht nur in seinen Bildern an – auch für seine Hausfassade, die er vor kurzem bei der Hausrenovation neu hat streichen lassen, machte er Farbstudien.

Mirjam Bächtold
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Der warme Grauton unten links passt nach dem zweiten Anstrich zum kalten Grauton am Anbau rechts. (Bilder: Mirjam Bächtold)

Der warme Grauton unten links passt nach dem zweiten Anstrich zum kalten Grauton am Anbau rechts. (Bilder: Mirjam Bächtold)

WATTWIL. Walter Grässlis Fassade ist frisch gestrichen, grau neben grau. Schlicht sieht die Wand aus und man würde nicht ahnen, dass gerade sie die Knacknuss war bei der Renovation des Hauses. Der untere Teil der Hauptfassade ist in einem warmen Grauton gestrichen, der Anbau in einem kalten Grau. «Beim ersten Anstrich ist etwas schiefgegangen», sagt Walter Grässli. «Im warmen Grauton hatte es zu viele Rotpigmente, weshalb die Fassade rosa schien. Das kalte Grau hingegen schien bläulich. Genau das war das Problem. Es entstand gespaltener Komplementärkontrast.» Walter Grässli erklärt das Phänomen und zeigt auf den oberen Teil der Hauswand, die in einem hellen Gelb gestrichen ist. Wenn man auf die gelbe und die rosarote Hauswand blickt, bildet das Auge ein Orange und das kontrastierte mit dem Blauton im Anbau und verwandelte das kalte Grau zu einem hellen, fast türkisähnlichen Blau. «Es war schrecklich, wir mussten die untere Hauswand neu streichen, damit sie nicht mehr rosa scheint», sagt der Künstler. Da das Gelb eigentlich die Hauptfarbe an der Fassade ist, durfte nichts mit dem Blau kontrastieren. Nun ist Walter Grässli zufrieden mit seiner Fassade. An der Wand blühen bereits Clematis und Rosen und heben sich rot und violett vom Grau ab. «Wir sehen Farben im Grau. Je nach Licht und Umgebung scheinen die Farbtöne etwas anders.»

Natürliche Farbpigmente

Walter Grässli ist bekannt für sein grosses Wissen über die Farblehre. An der Kanti Wattwil hat er es jahrelang an seine Schüler weitergegeben. Er ist überzeugt, dass man das Auge schulen kann, Farbkontraste zu sehen. Die intensive Auseinandersetzung mit der Farbe hat zudem einen günstigen Einfluss auf den Sehprozess: «Meine Schüler konnten sehr gut beobachten und dadurch auch besser zeichnen.»

In seinem Atelier malt der 72-Jährige heute noch vier bis acht Stunden täglich. In einem Gestell stehen Schallplatten, die er während der Arbeit hört, im Regal daneben stehen Gläser mit Farbpigmenten neben der Flasche mit Terpentin, das im Atelier seinen Geruch verströmt.

Hier hat Walter Grässli, der ursprünglich eine Malerlehre gemacht hat, die Muster für seine Hauswand gemalt. Das Grau besteht nicht, wie man vielleicht denken würde, aus Schwarz und Weiss. Walter Grässli hat dazu natürliche Farben verwendet, er mischte gebrannte Umbra, also Erde, mit Chromoxydhydratgrün. Aus diesen komplementären Pigmenten entstand das Grau. «Diese Farben sind im Gegensatz zu schwarzen Tönen wetter- und kalkbeständig. Früher wurden die Pigmente mit Kalk aufgetragen.» Walter Grässli liess seine Fassade mit einer Mineralfarbe streichen, einem imitierten Kalkanstrich. Die Pigmente wurden für die grosse Farbmenge künstlich hergestellt.

So alt wie Ulrich Bräker

Das unter Denkmalschutz stehende Biedermeierhaus im Weiler Bunt ist über 200 Jahre alt. Es stand schon im 18. Jahrhundert; Ulrich Bräker (1735 bis 1798) lebte ganz in der Nähe und schrieb über die Gegend, dass in der Thurebene Tücher zum Bleichen ausgebreitet wurden. «Wir wissen, dass sich im Bunt Textilindustrie und Bleiken befanden», sagt Walter Grässli. In seinem Haus habe sich damals eine Wäschemangel befunden. Walter und Theresia Grässli benannten ihr Heim «Haus zur Mange» ohne L am Schluss. Es ist ein Wortspiel aus Mangel und dem französischen Namen Mange, der im Stammbaum der Nachbarsfamilie vorkam. Etwas später war in dem Haus eine Jaquard-Weberei untergebracht, bis es ein Mayor Anderegg kaufte und es zu einer Remise für seine Kutschen mit einer Kutscherwohnung im ersten Stock umbaute. Im Nachbarhaus betrieb er einen Gutshof. Etwas später erfuhr das Haus zur Mange einen weiteren Umbau. Als die Schülerzahlen im Bunt stiegen, wurde ein neues Schulhaus gebaut, das benachbarte Haus zur Mange wurde zur Turnhalle umgebaut. Aus dieser Zeit stammt auch der neuere Anbau. Der jeweilige Lehrer wohnte im Haus zur Mange. «Leider sind keine Jahreszahlen überliefert, so dass ich nicht genau sagen kann, wann diese Umbauten stattgefunden haben», sagt der heutige Hausbesitzer.

Auf Fels gebaut

Die Familie Grässli hat das Haus 1983 von der Schulgemeinde Wattwil erwerben können und zog mit den vier Kindern ein. Damals war das Haus in einem schlechten Zustand: «Die Dispersionsfarbe, mit der es gestrichen worden war, liess die Wände nicht atmen. Wir entfernten damals die Farbe und strichen die Wände neu.» Dabei entdeckte Walter Grässli an der gesamten Nordfassade einen Befall von Hausschwamm. Die ganze Wand musste erneuert werden. Im Gegensatz zu den anderen Wänden, die aus Bollensteinen bestehen, die zwischen Riegel gelegt sind, besteht die Nordwand nun nur noch aus Backsteinen. «Bei dieser Renovation entdeckten wir, dass unser Haus direkt auf den Nagelfluhfels gebaut ist. Wie eine Burg.»

Wegen Rebe wieder renoviert

Letztes Jahr mussten Grässlis die Fassade erneut renovieren. «Unglücklicherweise hatten wir beim Einzug eine Rebe gepflanzt, deren Sporen überall an der Wand verwachsen waren», sagt Walter Grässli. Diese Renovation nahmen sie zum Anlass, auch im Innern einiges zu erneuern. Die Böden und Decken etwa bestehen aus handgehobelten Brettern. «Einer unserer Söhne ist Innenarchitekt und stellt Designermöbel her. Er befreite die schönen Böden von den Teppichen und versiegelte sie mit einem natürlichen Spezialöl.» Er fertigte auch einige der Möbelstücke an, wie das Bett, einen Tisch mit passenden Stühlen oder das rote Ledersofa. Die Küche und das Bad haben sie modern saniert, aber einige alte Bestandteile des Hauses wollte das Ehepaar Grässli behalten. Den alten Herd in der Küche etwa oder einen Kachelofen im Esszimmer. «Die Böden sind halt alle schräg. Aber das macht nichts, wir sind ja auch ein bisschen schräg», sagt Theresia Grässli und lacht.

Walter Grässlis Lieblingsplatz im Haus ist sein Atelier. Seine Frau Theresia fühlt sich überall wohl. «Es ist schön, so viel Platz zu haben», sagt sie. «Wir sehen uns nicht die ganze Zeit, aber wir wissen, der andere ist immer da.»

Walter Grässli Künstler und ehemaliger Zeichnungslehrer aus Wattwil

Walter Grässli Künstler und ehemaliger Zeichnungslehrer aus Wattwil

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