WALD: Diverse Zeitebenen in einem Haus

Christian Rothmaler konnte das Atelierhaus Birli über ein Jahr lang in Beschlag nehmen. Jetzt zieht er ein Fazit. Als er das Haus in seinen Ausstellungsraum verwandelte, teilte er jedem Stockwerk eine Zeitebene zu.

Hanspeter Spörri
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Blick in Christian Rothmalers Ausstellung im Appenzellerhaus der Schlesinger-Stiftung. (Bild: Hanspeter Spörri)

Blick in Christian Rothmalers Ausstellung im Appenzellerhaus der Schlesinger-Stiftung. (Bild: Hanspeter Spörri)

Hanspeter Spörri

redaktion

@appenzellerzeitung.ch

Christian Rothmaler, Künstler aus Hamburg mit Jahrgang 1982, hat 14 Monate im Atelierhaus Birli der R.-und-R.-Schlesinger-Stiftung verbracht. In dieser Zeit hat er mehrere Ausstellungen mit anderen Künstlern kuratiert und am Ende seine eigenen Arbeiten gezeigt, zu denen nun eine Sammelmappe publiziert wurde.

Rothmalers Kunst basiert zwar auf einfachen ästhetischen Formen – korallenhafte «Hände» mit sieben Fingern, schrift- und zahlenartige Zeichen, amöbenähnliche schwarze Flecken oder «Löcher» – sie ist aber von komplexen Fragen geprägt. Der Titel von Ausstellung und Sammelmappe lässt dies schon ein wenig erahnen: «Being Time squared (+0-)». Von der «Zeit im Qua-drat» hört man vielleicht im Physikunterricht, wenn es um das Fallgesetz geht. Vorstellen aber kann man sich Quadratsekunden und Quadratstunden nicht. Zeit ist allerdings ohnehin rätselhaft. Rothmaler verweist auf den berühmten Satz des Kirchenlehrers Augustinus aus der Zeit der Spätantike: «Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand darnach fragt, weiss ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiss ich es nicht.»

Die Fragen sind Wahrheit genug

Im Weiler Birli auf dem Gebiet der Gemeinde Wald hatte Rothmaler ausreichend Zeit, um malend über die Schichtungen der Zeit nachzusinnen. Im Unterschied zur Wissenschaft und auch zur Philosophie und Theologie muss die Kunst nicht zwingend Antworten finden und Theorien entwickeln, welche die Wirklichkeit möglichst genau fassen und sich früher oder später dennoch als nur annährend richtig oder ganz falsch erweisen. Sie kann spielerischer als die Wissenschaft mit den Naturkräften umgehen, dem Sinn des Lebens nachspüren, auf die Rätsel der Existenz eingehen: Was ist Bewusstsein? Wie entsteht das Ich? Wie verhält sich Wahrnehmung zur Wirklichkeit? Und sie muss vor den ganz grossen Fragen (Wie unendlich ist die Unendlichkeit? Was war vor dem Urknall? Vor der Schöpfung?) auch nicht einfach kapitulieren, wie es Physiker oder auch Theologen tun. Der Kunst sind die Fragen Wahrheit genug.

Als Rothmaler die Stockwerke des alten Appenzeller Hauses in seinen Ausstellungsraum zu verwandeln begann, teilte er ihnen je eine Zeitebene zu: Wer die Stube betrat, sah sich in einer Zukunft – in einer malerischen Welt des Entstehens von Raum und Zeit. Der Gegenwart mit ihrer Nutzbarmachung wissenschaftlicher Erkenntnisse sah man sich im zweiten Stock ausgesetzt. In eine archäologisch freigelegte erfundene Vergangenheit stieg, wer eine weitere Treppe überwand. Besonders angetan hat es Christian Rothmaler die Firstkammer des alten Appenzeller Hauses. Allein schon, dass Wände, Decken und Boden einzig aus Holz bestehen, ist für ihn ungewohnt. Diese Kammer hat er zusammen mit dem Berliner Künstlerfreund Yann-Vari Schubert in einen virtuellen Ausstellungsraum verwandelt und darin Ausstellungen kuratiert – beispielsweise jene von Alexander Hahn ( why wald.org/moonlighting /).

Durch die Virtual-Reality-Brille betrachtet, ergibt sich eine surreale Dreidimensionalität. Fast schon logisch, dass darin auch die nächste Ausstellung «The Imaginarium of Dr. von Graefe» Platz fand – eine wunderkammerartige Hommage an den Berliner Augenarzt Albrecht von Graefe (1828 – 1870), der die moderne Augenheilkunde begründet und den Kurort Heiden berühmt gemacht hatte. ( www.whywald.org ).

Christian Rothmaler jedenfalls hat das Haus im Birli, das ihm nun mehr als ein Jahr lang als Wohnung, Atelier, Ausstellungs- und Konferenzraum gedient hat, in ein frei im All schwebendes UFO verwandelt, einen Ort der Kunst. Kunst darf alles und muss nichts – nur eines hat sie in der Vergangenheit immer wieder versucht: ihrer Zeit voraus zu sein.

In dieser Kontinuität der Kunstgeschichte steht auch der literarisch und historisch versierte Christian Rothmaler, der im Appenzellerland gefunden hat, was für seine Kunst unabdingbar ist: den freien Blick in reale und imaginierte Weiten.