WALD: Chef der fast arbeitslosen Waage

Fast 30 Jahre lang amtete Walter Meier als Waagmeister, nun geht er in Pension. Doch zuvor führt er noch seinen Nachfolger ein. Wald ist der einzige Ort im Kanton, in dem die Gemeinde eine Waage betreibt. Genutzt wurde sie in der Vergangenheit am meisten im Herbst.

Alessia Pagani
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Der neue Waagmeister Walter Nees bei der von der Gemeinde betriebenen Brückenwaage. Auf dem Balken kann er das Gewicht ablesen. Sie kann maximal 14 999 Kilogramm auf einmal wägen. (Bild: pag)

Der neue Waagmeister Walter Nees bei der von der Gemeinde betriebenen Brückenwaage. Auf dem Balken kann er das Gewicht ablesen. Sie kann maximal 14 999 Kilogramm auf einmal wägen. (Bild: pag)

WALD. Stolz stehen Walter Meier und Walter Nees bei «ihrer» Brückenwaage und hantieren an einem Blechkasten. In grossen Buchstaben steht dort geschrieben: «Waag-Zeiten Montag–Freitag 9.00–12.00 und 15.00–17.00». «Das stimmt nicht mehr», sagt Walter Meier und deckt zur Unterstreichung dieser Tatsache die nachmittägliche Zeitangabe mit seiner Hand ab. Eigentlich sei die Waage nur noch während der Öffnungszeiten der Gemeindekanzlei in Betrieb. «Aber 70 Prozent aller Kunden kommen sowieso ausserhalb der Öffnungszeiten», so Walter Meier. Der 64-Jährige war während 29 Jahren Waagmeister in Wald und geht nun in Pension. Dies aber nicht, bevor er noch seinen Nachfolger, Namensvetter Walter Nees, in seine Aufgaben eingearbeitet hat.

Hauptberuflich Wasserwart

Wald ist die einzige Ausserrhoder Gemeinde, die noch eine solche öffentliche Brückenwaage unterhält, in den anderen Gemeinden übernehmen diese Aufgabe Privatpersonen oder Unternehmen. Die Gemeindewaage bleibt heute meist «arbeitslos». Walter Meier: «An gewissen Tagen kommen drei Personen zum Wägen, an anderen gar niemand.» Waagmeister ist denn auch nur eine Nebenbeschäftigung. Hauptberuflich ist Walter Meier als Wasserwart bei der Gemeinde angestellt, kümmert sich um die Wasserversorgung, um das Abwasser und arbeitet im Bauamt. «Die Verteilung dieser Aufgaben beträgt 45 Prozent, 45 Prozent und 10 Prozent», so Walter Meier. Er sei damals nicht gefragt worden, ob er zusätzlich als Waagmeister fungieren wolle, dies gehöre in Wald einfach zur Aufgabe des Wasserwartes dazu. Das weiss auch Meiers Nachfolger. «Die neue Aufgabe ist eine grosse Herausforderung für mich», sagt Walter Nees, der vom Bauamt Rehetobel in die Gemeinde Wald wechselt und sämtliche Aufgaben von Walter Meier übernimmt.

Von Bauern bis zu Polizei

Am meisten zu tun hatte Walter Meier an der Brückenwaage stets während der Erntezeit im Herbst. «Vor allem Landwirte kamen, um ihr Heu oder Stroh zu wägen, bevor sie es verkauften», sagt er. Aber auch Äpfel und andere Früchte und Gemüse müssen dann und wann den Umweg über die Wäldler Brückenwaage nehmen. Und abgesehen von den Bauern? «Kunden sind auch private Personen, die zum Beispiel ihre Anhänger auf Übergewicht überprüfen wollen», gibt Walter Meier Auskunft. Aber auch die Polizei gehört zum Kundenkreis. Wobei diese im vergangenen Jahr kein einziges Mal auf Meier zugekommen ist: «Früher ist die Polizei oft gekommen, heute kaum mehr.» Nach erledigter Arbeit ist es Aufgabe des Waagmeisters, einen Waagschein auszustellen. Darauf sind das Nettogewicht, das Bruttogewicht, die Tara – also der Unterschied –, der Käufer und der Verkäufer, die Warenart und die Waaggebühr einzutragen. «Früher haben wir jeweils ein Drittel der Waag-Gebühr behalten können, heute rentiert das nicht mehr», sagt Walter Meier.

Spannendes «Innenleben»

Heute seien Brückenwaagen oft digital und nur temporär an einem Ort, zum Beispiel bei Baustellen, erklärt er weiter. Wenn der Waagmeister den Untergrund seiner Waage – die Mechanik unter den beiden in den Boden eingelassenen Eisenplatten – freilegt, wird es spannend. Zehn Zentimeter dicke, frei schwingende Eisenbalken übertragen das Gewicht von den Bodenplatten auf ein Gestänge, das in den Blechkasten mündet. Dort ist schliesslich das Gewicht der auf den Bodenplatten stehenden Fahrzeuge ablesbar. Das Höchstgewicht ist 14 999 Kilogramm. Wenn jeweils schwerere Lastwagen gekommen sind, musste er zuerst die Vorder- und schliesslich die Hinterachse einzeln wiegen. War ein Lastwagen zu breit, wurden Holzblöcke unter ein Vorderrad geschoben, so dass das zweite in der Luft lag. So kennt Werner Meier – nach fast 30 Jahren – verschiedene Kniffe im Umgang mit dieser Rarität.

«Vor sieben Jahren hat sie einmal nicht gestimmt. Solche Waagen haben halt <Finessli>.» Zum Eichen alle zwei Jahre komme ein Unternehmen aus Zürich und stelle die Waage mit Hilfe von Referenzfässern wieder genau ein. Ansonsten brauche die Gemeindewaage kaum Unterhalt: «Einmal im Jahr steige ich unter die Bodenplatten und fette die Teile nach. So funktioniert sie einwandfrei.»