Vorzeige-Appenzeller aus dem Thurgau

Landauf, landab stürmen Kinder die Musikschulen, weil sie Hackbrett spielen lernen wollen. Ihr Vorbild: Nicolas Senn. An der Seite von Bligg sorgte er für Furore und volle Säle.

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Nicolas Senn, Hackbrettvirtuose aus Romanshorn. (Bild: pk)

Nicolas Senn, Hackbrettvirtuose aus Romanshorn. (Bild: pk)

Landauf, landab stürmen Kinder die Musikschulen, weil sie Hackbrett spielen lernen wollen. Ihr Vorbild: Nicolas Senn. An der Seite von Bligg sorgte er für Furore und volle Säle. In diesem Jahr stehen nur wenige Auftritte mit dem Rapper auf dem Programm; das lässt dem 20-Jährigen Raum für andere Projekte: Anfang Jahr stieg er mit Ex-Miss-Schweiz Amanda Ammann auf den Kilimandscharo, wo er als erster mit einem Hackbrett aufspielte; Anfang Mai gewann er mit «Feuer und Flamme» die Schweizer Vorausscheidung

des Grand Prix der Volksmusik und dieser Tage erscheint seine neue CD «hackbrettWELT». Darauf finden sich neben virtuosen Solos auch gemeinsame Titel mit Bligg, Carlo Brunner und Philipp Mettler sowie den Swing-Kids.

Appenzeller Wurzeln

Obwohl Senn Thurgauer ist, trägt er bei seinen Auftritten eine Appenzeller Tracht.

Braucht er deshalb den Zorn der Volksmusikpäpste zu fürchten? «Nein», sagt der Romanshorner, «ich habe eine enge Beziehung zum Appenzellerland.» Seine Grossmutter ist eine Bischofberger von Oberegg. Seit elf Jahren haben seine Eltern zudem im ausserrhodischen Bühler ein Ferienhaus gemietet. In einem Zimmer hat er sich ein Musikatelier eingerichtet, in dem er ungestört nächtelang üben kann – zu Hause im heimischen Mehrfamilienhaus wäre dies nicht möglich. Seit er an der HSG in St. Gallen Wirtschaft studiert, verbringt er hier unter der Woche viel Zeit.

Bourbaki-Orchester

Auch sein erster Hackbrettlehrer ist ein Appenzeller. Nachdem klein Nicolas an der Olma die Streichmusik Alder gesehen hatte, war für ihn klar: Dieses Instrument wollte er auch lernen. Leichter gesagt als getan. In Romanshorn sind Hackbrettlehrer etwa so selten wie Apfelbäume im Alpstein. Seine Eltern fanden dann mit Willi Bänziger einen pensionierten Lehrer mit musikalischer Begabung.

Vom Hackbrettspielen hatte er zwar keine Ahnung, doch nahm er Stunden, um das Erlernte anschliessend an Nicolas Senn weiterzugeben. Schon bald gaben sie ihre ersten Konzerte. Wie es sich gehört natürlich in Appenzeller Tracht – wenn auch in improvisierten. «Am Anfang waren wir eine rechte Bourbaki-Truppe», sagt Senn, «ich hatte nicht viel mehr als einen Hosenträger.» Mit den Gagen sparte er sich schliesslich eine komplette Tracht zusammen.

An den Bligg-Konzerten sollte er ursprünglich im Anzug auftreten, doch dem 20-Jährigen war nicht wohl dabei. «Die Tracht gehört dazu!»

Nach drei Jahren Unterricht bei Willi Bänziger bekam Nicolas Senn 2000 eine Stunde beim bekannten Hackbrett-Virtuosen Roman Brülisauer aus Teufen geschenkt. «Das war für mich ein Highlight. Ich habe viele seiner Konzerte mitverfolgt.» Aus einer Stunde wurden drei Jahre. Der Ausserrhoder ermunterte seinen jungen Schüler, in neue Richtungen zu experimentieren.

Diese Vielfalt lebt der Thurgauer bis zum heutigen Tag aus; er liebt das Traditionelle ebenso wie das Moderne. Mit seinem fetzigen Grand-Prix-Siegertitel «Feuer und Flamme» wagte er etwas Spezielles, das nicht in das gängige Klischee des volkstümlichen Schlagers passt. Senn bezweifelt, ob er mit seinem Instrumentaltitel am internationalen Final vom 28. August in Wien Erfolg haben wird. Wenn es optimal laufe, liege vielleicht eine Top-Five-Plazierung drin, sagt er.

Hoffotograf des FC St. Gallen

Freilich ist es ihm nicht so wichtig, den internationalen Durchbruch zu schaffen. Solange er vor allem in der Schweiz auftritt, ist es ihm nämlich möglich, seiner anderen Leidenschaft zu frönen: dem FC St. Gallen. Sein Vater ist der ehemalige Aktivspieler und Vereinspräsident Norbert Senn. Während seine drei Brüder begeisterte Fussballer sind, verschaffte sich Nicolas über das Hackbrettspielen einen Zugang.

Seine ersten Lieblingsspieler waren Thomas Alder (Alder, so wie die Streichmusik-Dynastie aus Urnäsch) und Rico Fuchs (Fuchs, wie der bekannte Hackbrettbauer in Appenzell). Mittlerweile ist er aber auch ohne diesen Bezug ein grosser Fussballfan. Seit einigen Jahren ist er sogar Hoffotograf des Clubs. Wann immer möglich ist er an den Spielen dabei. Manchmal plant er seine Auftritte so, dass er zwischen zwei Konzerten an den Match gehen kann. Dann zieht er eine Jacke über die Tracht und stellt sich mit der Kamera an den Spielfeldrand.

Patrik Kobler