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Vorteil Jennifer Abderhalden: Die Zeit für eine Ausserrhoder Nationalrätin scheint reif zu sein

Das Rennen um den Ausserrhoder Nationalratssitz ist spannend wie selten. In diesem Jahr sind die Klima- und die Frauenfrage Trumpf – und diese sprechen klar für Jennifer Abderhalden.
David Scarano
David Scarano, Redaktionsleiter der «Appenzeller Zeitung». (Bild: Benjamin Manser)

David Scarano, Redaktionsleiter der «Appenzeller Zeitung». (Bild: Benjamin Manser)

In zwei Wochen wählt Ausserrhoden seine Bundesparlamentarier – endlich, werden viele nach dem kurzen, aber dafür umso intensiveren Wahlkampf sagen. Einiges deutet darauf hin, dass die SVP ihren Nationalratssitz einbüsst und die FDP sich trotz missglückter Strategie als Doppelsiegerin feiern lassen kann. Die Politik könnte weiblicher werden.

Der Ständeratssitz ist eigentlich schon vergeben. Der wiederantretende Andrea Caroni (FDP) spielt in einer anderen Liga als sein Gegner Reto Sonderegger (SVP): Caroni ist einer der einflussreichsten Bundesparlamentarier, Vizepräsident der FDP Schweiz sowie dossier- und kamerasicher. Sonderegger hingegen ist ein Lokalpolitiker, der nicht einmal von der eigenen Partei Unterstützung erhält, bei öffentlichen Auftritten eher unbeholfen wirkt und mit seinen politischen Vorstellungen mehr Verwunderung als Zustimmung hervorruft. Dennoch: Der Einwohnerrat aus Herisau zählt bereits zu den Gewinnern. Obwohl seine Chancen gleich null sind, will er eine Auswahl bieten. Damit hat er sich den Respekt der Stimmbürger verdient.

Das Rennen um den Nationalratssitz hingegen ist spannend wie selten. Im Wahlkampf spielten die Parteien vermehrt auf den Mann oder die Frau. Die SP kanzelte etwa den SVP-Nationalrat David Zuberbühler als ungenügend ab, und die SVP liess an der FDP-Kandidatin Jennifer Abderhalden kein gutes Haar. Wobei diese Angriffe nicht frei von Widersprüchen waren. Dass die SVP den leicht gepackten politischen Rucksack der Quereinsteigerin als Schwachstelle ausgemacht hat, ist naheliegend. Allerdings spricht die SVP damit auch ihren Parteigranden Roger Köppel und Magdalena Martullo-Blocher die Daseinsberechtigung im Nationalrat ab, da diese den Sprung in die grosse Kammer ohne Ochsentour geschafft haben. Dieses Argument dürfte in Ausserrhoden sowieso weniger stark wiegen. Hans-Rudolf Merz und Herbert Maeder haben ebenfalls als Neulinge den Weg nach Bundesbern gefunden.

Die vielen Attacken auf Abderhalden zeugen von der grossen Nervosität der SVP, die isolierter ist denn je. David Zuberbühler ist im Kanton dank seiner jovialen Art zwar beliebt. Der 40-jährige Unternehmer profitiert von seinen vier Jahren in Bern und kann durchaus politische Erfolge vorweisen. Aber sein Politisieren am rechten Rand ist nicht mehrheitstauglich. Auch seine zum Teil ambivalenten Botschaften in den vergangenen Wochen dürften nicht geholfen haben, die Wählerbasis zu vergrössern. Wer ihn an Podien hört, kann danach nicht sagen, ob der Herisauer nun tatsächlich den menschengemachten Klimawandel anzweifelt oder nicht.

Jennifer Abderhalden punktet mit ihrer Umwelt- und Europolitik. Als unverbrauchte Kraft sorgt die 41-Jährige zudem für frischen Wind. Doch auch sie hat Schwächen. Viele Wähler wissen immer noch nicht, wo genau die Newcomerin politisch steht. Wie liberal oder links ist Jennifer Abderhalden wirklich? Und sie ist selber nicht frei von Widersprüchen. So musste sie sich im Wahlkampf argumentativ gehörig ins Zeug legen, um ihre klimapolitischen Ansichten und ihre Reisefreudigkeit unter einen Hut zu bringen. Obwohl die Juristin und Betriebswirtschafterin das Rüstzeug mitbringt, wäre sie in einem normalen Wahljahr wohl nicht für den Nationalrat nominiert worden. Zu unbekannt ist sie, zu früh kommt ein solcher Schritt, zu gross der Aufwand für die Partei, sie in kurzer Zeit wahltauglich zu machen.

Doch in diesem Jahr ist nichts normal. Die FDP hat alles darangesetzt, die eigenen Wahlchancen zu sabotieren. Die missglückte Kandidatur von Daniela Merz zeichnete ein klägliches Bild der stärksten Partei des Kantons. Dass sich der Freisinn trotz Last-Minute-Kandidatin Chancen auf die Rückeroberung des Nationalratssitzes ausrechnen kann, ist nicht Folge einer brillanten Wahlkampagne. Angewiesen ist die FDP auf das Päckli mit der SP, die voll auf die Karte Realpolitik gesetzt hat. Die Sozialdemokraten verzichteten auf eine eigene Kandidatur, um das Anti-SVP-Lager nicht wie vor vier Jahren zu spalten. Zudem fehlt David Zuberbühler ein weiterer Bonus: 2015 profitierte er auch von den Wirren rund um den Ausserrhoder Spitalverbund. In diesem Jahr sind die Klima- und die Frauenfrage Trumpf – und diese sprechen klar für Jennifer Abderhalden.

Dennoch dürfte es diesmal mehr eine Partei- denn eine Persönlichkeitswahl sein. Wobei für viele Wähler die Devise gilt, sich für das kleinere Übel zu entscheiden. Die SVP ist für die Linken und auch für manch Bürgerliche nicht nur aufgrund der Umwelt- und Europapolitik unwählbar. Die SVP-Positionen vertragen sich zudem schlecht mit dem Selbstverständnis vieler Ausserrhoder, die stolz auf die liberale, von Weltoffenheit geprägte Geschichte des Kantons sind. Um die SVP zu verhindern, werden Linke- und Mittewähler ein Auge zudrücken und ein in der Vergangenheit häufig kritisiertes Berner Doppelmandat der FDP in Kauf nehmen. Offen ist hingegen, wie sich Wirtschaftsvertreter verhalten werden. Einigen von ihnen dürfte Abderhalden zu links sein.

Es gibt Punkte, die für David Zuberbühler sprechen: seine langjährige politische Erfahrung, seine Bekanntheit in Herisau sowie der Amtsbonus. Dennoch scheint die Zeit für eine Nationalrätin reif zu sein, nicht nur weil die Kantonsregierung und die Bundesvertretung Ausserrhodens derzeit reine Männerbastionen sind und dringend einer Korrektur benötigen. Abderhalden spricht zudem mit ihrer Politik weite Teile der Bevölkerung an, wie die Unterstützung durch SP, CVP und EVP zeigen. Und dies könnte wahlentscheidend sein.

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