Vorsicht Kamera

Seit diesem Sonntag bin ich um einige Erfahrungen reicher.

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Seit diesem Sonntag bin ich um einige Erfahrungen reicher. Wenn man mit Notizblock und Fotokamera ausgerüstet an der Wattwiler Einkaufsmeile steht, wird man nicht automatisch als Journalistin eingestuft, sondern eher als Bibelverkäuferin, Unterschriftensammlerin oder Studentin, die eine halbstündige Umfrage durchführen will.

Der Blick wird finster

Der schlimmste Satz, den man definitiv bringen kann: «Haben Sie eine Minute Zeit?» Dann verfinstert sich der Blick und der Gang wird automatisch schneller. Nach dem Motto: Schnell weg hier! Effektiver ist da: «Hallo, Toggenburger Tagblatt.» Die Stimmung bessert sich: «Ach ein harmloser Journi?» Was sie nicht wissen: Der Journalist ist meistens nicht mit einer Unterschrift zufrieden. Nicht zufrieden ist der Chef mit langweiligen Themen-Fotos. «Weihnachtsstimmung, grosse Taschen und eine Sonntagsverkaufs-Tafel», hallt mir sein Auftrag im Hinterkopf. Okay, Sonntagsverkaufstafel ist da und die dicken Fische, pardon, die dicken, grossen Einkaufstaschen kommen auch. Irgendwann. Nein, eben nicht. Zwei junge Girls machen es sich vor meiner Sonntagsverkaufstafel gemütlich, lästern über Mädchen, die besser aussehen als sie und gucken immer nach meiner Fotolinse, ob ich auch ja abdrücke. Ich versuche sie zu hypnotisieren: «Geht in die Schmuckabteilung, geht in die Schmuckabteilung.» Nix – Gedankenübertragung gleich null. Und mit den dicken Taschen ist auch nichts los. Nur kleine langweilige Einkaufstäschchen pendeln an mir vorbei. Entweder verlassen die «dicken Fische» den Hinterausgang oder die weihnachtsstollen Leute stürmten den Laden um 12 Uhr und für alle anderen bleiben nur noch kleine Sachen.

Nur noch mit Tarnausrüstung

In Wattwil ist es ja auch so, wenn man die Kamera zückt, verhalten sich die Leute kurios. Die einen schleichen an der Schaufensterfront entlang, um dem Fokus der Kamera zu entkommen, andere bleiben stehen, um von hinten nicht ins Bild zu laufen und wieder andere verstecken sich.

Von diesem Tag an beschloss ich, wenn ich wieder an einem Sonntagsverkauf fotografieren muss, brauche ich vom Chef eine andere Ausrüstung, eine Wild-Life-Ausrüstung. Jawohl! Ein Busch als Tarnung und ein Superobjektiv, damit ich das natürliche Verhalten und Leben der Wattwiler Konsumenten besser dokumentieren kann. Die besten und schönsten Exemplare sehen sie hier in einem Jahr.

Patricia Wichser