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Vorhölle der Medizin

Egal, wie pünktlich man zu einem Arzttermin erscheint, es heisst immer: «Nehmen sie noch kurz im Wartezimmer Platz.» Vermutlich ist das Teil oder gar Kern der Behandlung. Wenn man sieht, wie beschissen es anderen geht, gesundet man wie von selbst. Wartezimmer sind keine angenehme Umgebung.
Alex Baumann

Egal, wie pünktlich man zu einem Arzttermin erscheint, es heisst immer: «Nehmen sie noch kurz im Wartezimmer Platz.» Vermutlich ist das Teil oder gar Kern der Behandlung. Wenn man sieht, wie beschissen es anderen geht, gesundet man wie von selbst. Wartezimmer sind keine angenehme Umgebung. Der Raum ist mit Unbehagen geschwängert, und der Duft erinnert an den letzten Spitalbesuch. Daran ändern auch Radio Swiss Pop und der Wasserspender mit Kalt-warm-Funktion nichts. Die Anzahl der aufliegenden Zeitschriften kann als Prognose für die Wartezeit verstanden werden. Finden sich nur Tiermagazine und tragen alle anderen Patienten Käfige bei sich, lohnt sich eine Überprüfung des Türschilds. Soll ich als Lektüre wie beim Friseur etwas Leichtes wählen und mich dem Verdacht aussetzen, an Oberflächlichkeit zu leiden? Oder greife ich zum Feuilleton und habe deshalb Zeit, über den Rand der Zeitung in heiteres Krankheitsraten auszubrechen? Leidet die hustende Frau an einer Lungenentzündung oder ist sie trotz ihrer Körperfülle gar Raucherin oder hat sie sich bloss am Wurstweggen verschluckt? Ist der grimmige Südländer mit eingebundener Hand ein bemitleidenswerter Handwerker oder ein primitiver Schläger? Jedes Kratzen am Unterarm kann bereits als Hautkrankheit gedeutet werden, mit der angenehmen Folge, dass man garantiert einen freien Stuhl findet. Ich hinke meist präventiv beim Eintreten, damit sind alle Fragen beantwortet. Vorsicht bei Personen, die beim Absitzen auffällig stöhnen. Bereits ein zu freundliches «Grüezi» kann dazu führen, ungefragt die ganze Lebensgeschichte zu erfahren und durch das dauerhafte verständnisvolle Kopfnicken ein Schleudertrauma zu erleiden. Wenn endlich der Arzt eintritt und mich durch Aufrufen des Namens erlöst, weiss ich: Alles, was jetzt kommt, ist nur noch Nebeneffekt.

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