Vorderland
Verschworener Männerverein in Wolfhalden: «D Fraue sönd zom Schmuuse do»

Die Lesegesellschaft Aussertobel war ein verschworener Männerverein. Auch nach der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 wollte man lange nichts von weiblichen Mitgliedern wissen.

Peter Eggenberger
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Maggie Frey-Lienhard ging als erste Präsidentin in die 150-jährige Geschichte der Wolfhäldler Lesegesellschaft Aussertobel ein.

Maggie Frey-Lienhard ging als erste Präsidentin in die 150-jährige Geschichte der Wolfhäldler Lesegesellschaft Aussertobel ein.

Bild: PE

«D Fraue sönd zom Schmuuse do», erklärte der in der Sägerei im Plätzli tätige Jakob Walser nach dem Ja zum Frauenstimmrecht kurz und bündig und wandte sich mit der Mehrheit der anderen Mitglieder der Lesegesellschaft Aussertobel (LGA) vehement gegen die Mitgliedschaft von Frauen. Man wollte auch nach 1971 unter sich bleiben.

Quartierbelange und Lokalpolitik

Die vor 150 Jahren gegründete LGA ist im äusseren Gemeindegebiet von Wolfhalden aktiv. Als Mischung von Quartierverein und politischem Zusammenschluss sorgt sie für Informationen rund um das Gemeinde- und Kantonsgeschehen und setzt sich für sämtliche Belange wie Schule, Post, Infrastruktur usw. im eigenen Quartier ein. Bei Wahlen in den Gemeinde- und Kantonsrat werden zudem Kandidaten aus den eigenen Reihen portiert.

Eigennutz führte zum ersten Frauenmitglied

1982 wurde Mina Tobler-Diem als erste Frau in die LG aufgenommen. Grund war nicht etwa ein Gesinnungswandel, sondern purer Eigennutz. Die Gesellschafter wollten das Säli der Wirtschaft «Harmonie» im Sonder auch nach dem Tod von Wirt Hans Tobler als Versammlungsort beibehalten.

Deshalb wurde die Mitgliedschaft eher unwillig auf seine Ehefrau übertragen. Mina fehlte aber an den Versammlungen mit der verständlichen Begründung, dass sie in der Wirtschaft gefragt sei. Erstes, sich aktiv am Vereinsgeschehen beteiligendes Mitglied war alt Posthalterin Heidi Hohl, deren Aufnahme 1986 erfolgte.

Präsidium in Frauenhand

Jetzt war der Bann gebrochen, und der Frauenanteil wuchs stetig. Mit Maggie Frey-Lienhard wurde 2008 erstmals eine Präsidentin gewählt, die bis 2014 an der Spitze des Vereins stand. Zugezogen aus dem Baselbiet, trat sie 1990 dem Verein bei. «Ich wollte über das Geschehen in meinem neuen Umfeld informiert sein und dessen Menschen kennen lernen. Wichtig ist auch heute der soziale Effekt, vermittelt doch die Lesegesellschaft trotz unterschiedlicher Meinungen ein grosses Zusammengehörigkeitsgefühl», betont Frey-Lienhard.

(Zum LG-150-Jahr-Jubiläum ist das von Eva Schläpfer verfasste Buch «Nöd lugg loo» erschienen, das bei LGA-Mitglied Hansjörg Nagel, Wolfhalden, erhältlich ist)