Vor 100 Jahren zog Verwaltung ein

APPENZELL. Ende August 1915 erhielt Appenzell Innerrhoden mit der Landeskanzlei sein erstes modernes Verwaltungsgebäude. Als nicht luxuriös, aber durchaus gediegen beschrieb der damalige Architekt der Standeskommission sein Bauprojekt.

Michael Genova
Drucken
Teilen
Die Jugendmusik der Musikgesellschaft Harmonie Appenzell eröffnete den Jubiläumstag mit einem Konzert auf dem Kanzleiplatz. (Bild: Michael Genova)

Die Jugendmusik der Musikgesellschaft Harmonie Appenzell eröffnete den Jubiläumstag mit einem Konzert auf dem Kanzleiplatz. (Bild: Michael Genova)

Am Wochenende feierte Appenzell ein doppeltes Jubiläum: Vor 100 Jahren bezog die Innerrhoder Verwaltung in der Landeskanzlei ihre ersten Büros. Und vor 20 Jahren wurde nach langen Umbauarbeiten das Museum Appenzell im Rathaus und im Haus «Buherre Hanisefs» eröffnet. Zum Auftakt des Jubiläums gab die Jugendmusik der Musikgesellschaft Harmonie Appenzell am Samstagmorgen auf dem Kanzleiplatz ein Konzert. Kurz nach zehn Uhr begrüsste Landammann Roland Inauen die Gäste und freute sich über die gut besetzten Festbänke. Im Anschluss begannen die Führungen durch die Landeskanzlei und durch das Museum Appenzell.

Wandernde Akten

Neben Rundgängen durch die beiden Gebäude konnten Besucher während des ganzen Tages auch Vorträge zu speziellen Themen besuchen. In der Ratskanzlei wurde erklärt, wie ein Rekursverfahren abläuft. In der Verwaltungspolizei zeigten Angestellte, wie man heute im Vergleich zu früher Schweizer Pässe erstellt. Und im Landesarchiv erhielten Besucher Einblick in die «verwaltete Vergangenheit.»

Ehemalige Staatsdiener führten als Experten durch die Landeskanzlei. Einer davon war alt Ratschreiber Franz Breitenmoser. Er erklärte den Besuchern, dass sich an der Stelle der heutigen Landeskanzlei früher das sogenannte Pfrundhaus befand. Nach dem Umbau in den Jahren 1843/1844 wurde dort die erste ständige Kanzlei und die Dienstwohnung des Landschreibers eingerichtet. Vorher mussten die Akten bei jedem Wechsel des Landschreibers in die Wohnung des neuen Amtsinhabers überführt werden.

«Durchaus gediegen»

Mit den wachsenden Staatsaufgaben stieg auch der Bedarf an Räumen. Ende des 19. Jahrhunderts war die Verwaltung auf mehrere Örtlichkeiten verteilt. Deshalb prüfte die Standeskommission verschiedene Alternativen. Erfolg hatte im dritten Anlauf ein Projekt des Rorschacher Architekten Adolf Gaudy. Im März 1914 schrieb er in einem Kostenvoranschlag: «Ich würde mich verbindlich erklären, für Frs. 85 000.– den Bau schlüsselfertig, nicht in luxuriöser, aber durchaus gediegener & solider Ausführung, Architekten-Honorar & Bauführung inbegriffen, zu erstellen.» Am Ende beliefen sich die Kosten auf über 106 000 Franken. Die Überschreitung habe er damals mit der besseren Ausstattung des Standeskommissionszimmers und der Täferung der Büros begründet, sagte Franz Breitenmoser.

Das Zimmer der Standeskommission befindet sich im ersten Stockwerk. Vieles sieht noch genauso aus wie früher. Das dunkle Täfer, die Glasgemälde und der wuchtige Sitzungstisch geben dem Raum eine besondere Ausstrahlung. Dazu trug früher auch der Tabakkonsum der Mitglieder der Standeskommission bei. «Als ich 1972 als Ratsschreiber begann, war das Täfer ganz dunkel gefärbt», erinnerte sich Franz Breitenmoser. Jeweils zu Beginn der Sitzung habe der damalige Landammann Raymond Broger mindestes zwei Packungen Zigaretten und eine Tabakpfeife auf den Tisch gelegt. Aber auch die anderen Mitglieder rauchten: Zigaretten, Stumpen, Lindauerli. Doch der Einbau mehrerer Lüftungen half wenig. «Das Problem löste sich erst, als es mit dem Rauchen zurückging.»

Seit dem Bezug im Jahre 1915 wurde die Landeskanzlei immer wieder renoviert. Jahrelang habe es in diesem Gebäude gedröhnt, sagte Breitenmoser. «Rückblickend wäre man wohl besser für ein Jahr ausgezogen und hätte alles auf einmal gemacht.»

Alt Ratschreiber Franz Breitenmoser führte durch die Landeskanzlei.

Alt Ratschreiber Franz Breitenmoser führte durch die Landeskanzlei.

Für Kinder gab es auf dem Kirchplatz ein Unterhaltungsprogramm.

Für Kinder gab es auf dem Kirchplatz ein Unterhaltungsprogramm.