Vor 100 Jahren brachte das Postauto den Temporausch und weitere Probleme ins Appenzellerland

Als im Vorderland die Postkutsche durch das Automobil ersetzt wurde, waren die Behörden mit neuen Herausforderungen konfrontiert.

Karin Erni und Peter Eggenberger
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Die Ankunft des ersten Postautos am 5. September 1920 in Wald wurde trotz Regenwetters von der zahlreich erschienenen Bevölkerung gebührend gefeiert.

Die Ankunft des ersten Postautos am 5. September 1920 in Wald wurde trotz Regenwetters von der zahlreich erschienenen Bevölkerung gebührend gefeiert.

Bild: Gemeinde Wald

Die Gemeinde Wald war gegen Ende des 19. Jahrhunderts verkehrstechnisch ziemlich abgehängt. Nach Heiden bestand ein einziger Pferdepostkurs pro Tag, nach Trogen gab es deren drei. Die Behörden bemühten sich erfolglos, die Weiterführung einiger zwischen St.Gallen und Trogen verkehrender Postkutschen bis nach Wald zu erreichen, wie Chronist Ernst Züst 1986 in seiner «Geschichte der Gemeinde Wald» berichtet. Doch das Dorf lag zu weit abseits der Verkehrsströme und der Winterdienst konnte nicht sichergestellt werden. Für regelmässiges Pfaden fehlten offenbar die Ressourcen, denn bei grossen Schneemengen mussten die Schneepflüge oft von zehn Pferden gezogen werden.

Während des Ersten Weltkrieges verlangte die Gemeinde erneut Verbesserungen der Postkurse, welche aber immer wieder aus Kostengründen und vermutlich auch wegen schlechter Benützung abgelehnt wurden. Die Post wartete bessere Zeiten ab.

Das Postauto löst die Pferdekutsche ab

1919 beabsichtigten die Vorderländer Gemeinden, die Pferdepost durch eine Automobilpost zu ersetzen. 1920 delegierte Wald zwei Vertreter zu einer Besprechung nach St.Gallen. Sie brachten die Nachricht nach Wald, die Gemeinde müsse mit einem Defizitanteil von 2100 Franken jährlich rechnen, wenn die Post Wald erschliessen würde. Trotz dieser Nachricht nahm der Gemeindehauptmann an den Probefahrten teil. Nachdem die Einführung der Autopost feststand, bestimmte der Gemeinderat eine Dreierdelegation, um das alte Verkehrsmittel würdig zu verabschieden und das neue in Empfang zu nehmen.

Am Samstag, den 4.September 1920, war es dann so weit: Die Pferdepost fuhr zum letzten Mal durchs Dorf. Zwei Schimmel zogen die reich bekränzte Kutsche, der Schülerchor sang ein Abschiedslied und der Postillion erhielt Geschenke und ein schönes Erinnerungsfoto. Die Appenzeller Zeitung beschrieb den Anlass folgendermassen:

«Die ganze Szene hatte etwas Ergreifendes, wie wenn der Wechsel des Verkehrsmittels den Abschied einer ruhigeren und den Anbruch einer rascheren, aber auch anstrengenderen Lebensweise bedeuten würde.»

Einen Tag später erschien pünktlich das erste Postauto in der Vorderländer Gemeinde. Trotz strömenden Regens kam viel Publikum und die Musikgesellschaft bot einen fulminanten Empfang mit Marschmusik. Das Fahrzeug wurde festlich geschmückt und mit der Aufschrift versehen: «Ein herzlich Willkomm dem flinken Boten. Mögen sich die durch die besseren Verkehrsmöglichkeiten geweckten Hoffnungen erfüllen!»

Geschwindigkeitstafeln wegen «Autoraserei» gefordert

Jetzt war Wald zwar besser erschlossen, dafür traten mit den ungewohnten Fahrgeschwindigkeiten bald neue Probleme auf. 1921 ersuchte der Verkehrsverein den Gemeinderat, Geschwindigkeitstafeln für Autos und Motorräder an der Strasse aufzustellen. Weil die Geschwindigkeit durchwegs überschritten werde, sollten diese Tafeln im Unter- und Oberdorf angebracht werden. Der Gemeinderat war jedoch der Ansicht, eine Tafel nütze nichts, weil die Höchstgeschwindigkeit bei 35 Stundenkilometern liege. Bei so hohem Tempo sei eine Kontrolle nicht möglich. 1922 erkundigt sich der Verkehrsverein nochmals, wie es mit dem Verbot «der Autoraserei» stehe. Daraufhin stellte die Gemeinde beim Kanton ein Gesuch, das Tempo auf 18 Stundenkilometer zu beschränken. Das Kantonale Bauamt teilte mit, die Limite für Lastautos durch die Ortschaften liege bei 12 Stundenkilometern.

Stoppuhr dient als «Radarfalle»

Es existierte damals jedoch noch gar keine Möglichkeit, die Geschwindigkeit exakt zu bestimmen. 1924 meldete Polizeiverwalter Schläpfer, er habe nun eine Stoppuhr angeschafft, damit er das Tempo messen lassen könne. Wie es um die «Raserei» bestellt war, zeigt sich am Fahrplan der Postautos. 1924 verkehrte zwischen Trogen und Heiden am Morgen, Mittag und Abend je ein Kurs. Von Heiden nach Wald benötigten die damaligen Vehikel 30 Minuten und nach Trogen weitere 25 Minuten. 1928 wurden die aufgestellten Geschwindigkeitstafeln bereits wieder entfernt, weil die Höchstgeschwindigkeit innerorts nun 30 und jene «auf freiem Felde» 40 Stundenkilometer betrug.

Naturstrasse hielt Autoverkehr nicht stand

Auch die Staubentwicklung und die entstehenden Spurrinnen sorgten immer wieder für Unmut. Im fernen Herisau klagte der Kantonsingenieur über die gestiegenen Aufwände für den Strassenunterhalt wegen der Postautos. Die neuen und schwereren Fahrzeuge verursachten tiefe Spurrinnen, die dauernd ausgebessert werden mussten. Er rechnete die Erfahrungen auf der Strecke Heiden–Rheineck auf das ganze Strassennetz hoch und beantragte, 100000 Franken zusätzlich ins Budget aufzunehmen. Der heutige Kantonsingenieur Urban Keller vermutet, dass die Mannstunden im Verhältnis eher günstiger waren als heute, dafür das Material teurer. Offenbar verursachte vor allem der Kauf und Transport von geeignetem Kies hohe Auslagen. Mit dem Start des Postautoverkehrs im September 1920 benötigte das kantonale Bauamt zusätzlich 600 Kubikmeter Kies für die Strecke Trogen–Wald–Heiden.

Kampf dem Strassenstaub

Die Staubplage allerdings blieb und sorgte für viel Ärger. Nach jahrelangen Bemühungen konnte die Gemeinde Wald 1928 in dieser Frage einen Erfolg verbuchen. Die mächtige Landes-Bau- und Strassenkommission erklärte sich bereit, die Strecke im Unterdorf während des Sommers «mit Bitumen zu besprengen», um der Staubentwicklung entgegenzuwirken. Weil sich die Dorfstrasse dennoch immer wieder schmutzbedeckt präsentierte, mussten zwei Angehörige des Waisenhauses diese jeden Samstag kehren. Als man diese Aufgabe dem kantonalen Bauamt überbinden wollte, entschloss sich dieses, die Strecke zu teeren.

Mit den Worten «Wald marschiert», berichtet der Chronist 1932 über dieses wichtige Ereignis: «Diese Überzeugung muss jedem offenbar werden, der heute auf der im Laufe des Sommers in vorbildlicher Weise instandgestellten Staatsstrasse vom Mittelland auf das Dorf zustrebt. Diese Strassenstrecke hört man sicher mit Recht als eine der schönsten im Schweizerlande preisen.»

Heute erinnert nichts mehr an die grossen Umwälzungen vor 100 Jahren. In beide Richtungen verkehren werktags über 20 Postautokurse ab dem Dorf Wald und die Strecke Trogen–Wald–Heiden wurde in den letzten Jahren erneut mit viel finanziellem Aufwand für die aktuellen Verkehrsbedürfnisse ausgebaut.

Private Busverbindung nach St.Margrethen und Heiden

Mit dem Aufkommen der Postautos verlangte auch die Walzenhauser Bevölkerung vehement Verbindungen nach Heiden und St.Margrethen. Die Verwirklichung dieser Forderung erfolgte aber erst 1925, als Privatleute eine Auto-Aktiengesellschaft gründeten und einen 16-plätzigen Car-Alpin erwarben. Dieser lediglich mit einem Faltverdeck ausgerüstete Bus sicherte nun die Verbindung auf der Strecke St.Margrethen–Walzenhausen–Heiden. Vermehrt fühlten sich jetzt die Bewohner der Weiler Sonnenberg (Walzenhausen) sowie Hub, Zelg und Mühltobel (Wolfhalden) benachteiligt. 1959 wurde deshalb eine zweite Linie von St.Margrethen nach Heiden eröffnet, die seither die erwähnten Gebiete ebenfalls mit Postautos bedient.

Zitiert wird aus dem Buch «Die Geschichte der Gemeinde Wald», von Ernst Züst, Wolfhalden. Es ist auf der Gemeindekanzlei Wald erhältlich.