Von Mut, Angst und Abgründen

Mit einem beeindruckenden Theaterstück würdigten die Schülerinnen und Schüler der Schuleinheit Grüenau das Andenken an Paul Grüninger und die Schicksale der Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs an der Schweizer Grenze.

Nadine Rydzyk
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Die Schülerinnen und Schüler begingen in ihrem Stück «Achterweg» gekonnt den Grat zwischen dramatischer Spannung, Mitgefühl und Offenlegung der unterschiedlichen Facetten von menschlichen Handlungen. (Bild: Thomas Geissler)

Die Schülerinnen und Schüler begingen in ihrem Stück «Achterweg» gekonnt den Grat zwischen dramatischer Spannung, Mitgefühl und Offenlegung der unterschiedlichen Facetten von menschlichen Handlungen. (Bild: Thomas Geissler)

WATTWIL. Geschichtsunterricht ist alles andere als langweilig. Und wenn man dann noch die Historie in ein Theaterstück verpackt, wird sie greifbar, erlebbar und eindrücklich. Zum Schulschluss haben sich die Schülerinnen und Schüler der Schuleinheit Grüenau in diesem Jahr ein alles andere als leichtes Thema für ihre Theateraufführung vorgenommen. Doch dieses setzten sie mit Sensibilität und durchaus hervorragenden schauspielerischen Leistungen um. Das selbst verfasste Theaterstück mit dem Titel «Achterweg» lehnt sich mit einer frei erfundenen Geschichte um ein mögliches Flüchtlingsschicksal an die wahre Geschichte des St. Galler Polizeikommandanten Hauptmann Paul Grüninger (1891–1972) an.

Späte öffentliche Anerkennung

Paul Grüninger rettete in den Jahren 1938 und 1939 mehrere hundert jüdische und andere Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung. Trotz schweizerischer Grenzsperre nahm er sie in St. Gallen auf, missachtete die Weisungen des Bundes, übertrat Gesetze und fälschte Einreisedokumente durch Umdatierung. 1939 wurde Paul Grüninger von der St. Galler Regierung fristlos entlassen und im Folgejahr vom Bezirksgericht St. Gallen wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung verurteilt. Paul Grüninger lebte bis zu seinem Tod in Armut und wurde erst posthum politisch rehabilitiert. 1998 stimmte der Grosse Rat des Kantons St. Gallen einer materiellen Wiedergutmachung zu und entschädigte die Nachkommen Paul Grüningers für die durch die fristlose Entlassung entstandenen Lohn- und Pensionseinbussen. Diese brachten den gesamten Betrag in die Paul Grüninger Stiftung ein, welche periodisch einen Preis für besondere Menschlichkeit und besonderen Mut im Sinne Paul Grüningers verleiht und gemäss einem Förderprogramm nach freiem Ermessen Projekte zur Erforschung und Darstellung von historischen und gegenwärtigen Bestrebungen im Dienste der Menschenrechte unterstützt.

Ergreifende Umsetzung

Der Thematik Menschlichkeit und deren Hürden nahmen sich auch die Schülerinnen und Schüler in besonderer Weise an. Mit ihrem Theaterstück konnte das Publikum in die im Rheintal verortete Geschichte eintauchen, in der die Bevölkerung der beiden einst zu einer Gemeinde gehörenden Weiler Holznau und Schlatt, vom neuen Rheinverlauf und schliesslich durch die Grenze zwischen Österreich und der Schweiz getrennt, in unsicheren Zeiten ihr Dasein fristeten. Mitten in der Anbauschlacht wird darin nicht nur der erhobene Zeigefinger gen Deutschland und Österreich erhoben. Das Stück setzte sich auch mit dem Verhalten der Schweizer in diesem dunklen Kapitel der Geschichte kritisch auseinander. Es spannt den Bogen zu den verschiedenen Reaktionen von der Hilfsbereitschaft im Sinne des zum Zeitpunkt der Geschichte bereits entlassenen Paul Grüninger bis zur Profitgier von Flüchtlingsschleppern und Sympathisanten des Naziregimes. Damit werden auch die verschiedenen Facetten dessen gezeigt, was das Menschsein ausmacht – sensibel, teilweise auch mit einer Prise Humor gewürzt, aber nie unreflektiert oder respektlos.

Nach wie vor aktuell

Nach Buch und Regie von Schulleiter Paul Balzer beeindruckten die Schülerinnen und Schüler mit Unterstützung des Lehrpersonals sowohl auf der Bühne als auch in der Arbeit, die das Theatererlebnis ebenfalls mitbestimmten: Licht, Bild und Ton, eine variable Kulisse und trefflich ausgewählte Kostüme sowie ebensolche musikalische Untermalung machten die grosse Mühe deutlich, die das ganze Ensemble in die Inszenierung gesteckt hatte.

Brücke zu heute schlagen

Dabei wurde ebenfalls nicht versäumt, gleich zu Beginn durch von Versrezitationen begleitete Bildimpressionen die Brücke zwischen der Geschichte und den noch heute bestehenden Flüchtlingsschicksalen auf der ganzen Welt zu schlagen. Wenn auch vor anderem Hintergrund, ist das Thema doch nach wie vor aktuell. Auch die im Theaterstück unmissverständlich deutliche Feststellung: «Der Dumme braucht Feinde.»