Von Küssen und Spinnen

Brosmete

Christine König
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Auf dem Bildschirm im Bus lief Werbung. Da las ich, dass man pro Kuss etwa achtzig Millionen Bakterien austauscht. Das sind aber viele, dachte ich, und versuchte, nicht an das Polster zu denken, auf dem ich gerade sass. Ich hatte wohl meinen Tschuderi-Tag verwütscht. Als ich am Morgen das Zimmerfenster öffnete, um frische Luft hineinzulassen, sprang mir eine dicke, fette, schwarze Spinne entgegen (eine eher kleine), kroch mit ihren unendlich vielen Beinen (ich weiss, es sind nur acht) über das Parkett direkt auf mich zu (in die entgegengesetzte Richtung). Ich unterdrückte einen gellenden Schrei, es war schliesslich noch zu früh, um die Nachbarschaft zu wecken. Der Dreijährige hörte es trotzdem und eilte herbei. Er wolle die Spinne anfassen und streicheln, sagte er. Er habe keine Angst davor. Die Spinne sei sicher, genau so wie der Drache, der abends durch unser Fenster lugt, eine ganz liebe. Ich versprach es ihm fürs nächste Mal. Es war schliesslich immer noch früh morgens und ich, meine Sinne und mein Verstand waren noch nicht bereit für eine Konfrontationstherapie – wenn auch nur via den Dreijährigen, der so selbstverständlich mit der Spinne umging, wie ich es längst verlernt hatte. Also orderte ich den Vater des Kindes, um das (gigantische, monströse und Furcht einflössende) Tier sofort aus dem Haus zu schaffen. Dann drückte ich dem grossen und dem kleinen Mann je einen Kuss auf die Wange. Und damit mal ebenso schnell ungefähr achtzig Millionen Bakterien ins Gesicht. Macht nichts. Das härtet ab.

Christine König