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Von Koka, Yatiris und Kokain

Die Lichtensteigerin Claudia Risch arbeitet ein Jahr lang als Englischlehrerin am Titicacasee in Bolivien. Sie schreibt regelmässig über ihre Eindrücke. Ich bin in La Paz auf dem «Mercado de las Brujas» (Hexenmarkt).

Die Lichtensteigerin Claudia Risch arbeitet ein Jahr lang als Englischlehrerin am Titicacasee in Bolivien. Sie schreibt regelmässig über ihre Eindrücke.

Ich bin in La Paz auf dem «Mercado de las Brujas» (Hexenmarkt). Meine bolivianische Freundin Fátima hat mich eingeladen, mit ihr nach La Paz zu fahren, da sie dringend einen Yatiri (Wahrsager) konsultieren möchte.

An der Ecke Santa Cruz und Jimenez sitzt Tag für Tag ein sehr erfolgreicher Yatiri – die lange Warteschlange zeigt es. Auch wir stellen uns an. Die Konsultation kostet 10 Bs. (zirka 1.50 Franken). Wie die meisten Yatiris liest er die Zukunft aus Kokablättern.

Koka allgegenwärtig

Während des Anstehens erklärt mir Fátima, dass Koka in den Anden einen ganz wichtigen Stellenwert hat. Seit über 4000 Jahren würde es hier für verschiedenstes eingesetzt.

«Kokablätter lassen einem Kälte, Hunger und Müdigkeit vergessen, lindern Schmerzen und helfen bei Höhenkrankheit. In der Vergangenheit, wie auch heute, werden sie aber auch als Tauschmittel (Geld), bei sozialen Interaktionen und für magische Rituale verwendet. Es ist eine heilige Pflanze», weiss sie zu erzählen. Kokablätter würden vor jeder Reise geopfert, um den Segen der Pachamama (Mutter Erde) zu bekommen, sie seien die Verbindung zu den Toten und würden von Yatiris (Wahrsagern),

Pacos (Zauberern) und Kallawayas (Medizinmännern) gleichermassen eingesetzt, erklärt sie weiter. «Gerade kürzlich habe ich gelesen, dass hier im Altiplano (Hochplateau) 92 Prozent der Männer und 89 Prozent der Frauen regelmässig Kokablätter kauen», fügt sie hinzu. Der Kokostrauch wird hier in Bolivien vor allem in den Yungas bei La Paz und im Chapare bei Cochabamba von den sogenannten Cocaleros angebaut. Auch in andern Andenländern wie Peru und Kolumbien ist er weit verbreitet.

Er wächst in Höhen zwischen 300 und 2000 Metern über Meer und enthält viele Alkaloide – unter anderem das bekannte Kokain-Alkaloid – und grosse Mengen an Kohlenhydraten, Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen.

Eher saugen, als kauen

Eine halbe Stunde ist unterdessen vergangen und endlich sind wir an der Reihe. Ich gebe Fátima etwas Privatsphäre und beobachte ihre Beratung beim Yatiri aus Distanz. Er möchte zuerst ein paar persönliche Sachen von ihr wissen, bevor sie ihm ihre Fragen stellen kann.

Dann betet er vor sich hin, wirft Kokablätter und liest daraus ihre Zukunft. Die Sitzung dauert rund zehn Minuten, danach kommt sie ganz gelöst auf mich zu – sie scheint mit dem Resultat zufrieden zu sein. Für uns steht nun ein Marktbesuch auf dem Programm, Fátima möchte mich ins Kauen der Kokablätter, ins «pijchar», wie das hier genannt wird, einführen.

Wir kaufen ein Säckchen voll Koka und ein bisschen lejía, das ist Pflanzenasche, meist aus Quinoa, die als Katalysator gebraucht wird.

«Zuerst befreist du die Blätter von den kleinen Ästchen und stopfst sie eins ums andere zwischen Zähne und Zahnfleisch. Dort formst du sie zu einem Ball, dem sogenannten akullico, und weichst sie mit Speichel auf», klärt sie mich auf. «Du sollst die Blätter aber nicht richtig kauen, eher saugen. Danach gibst du die lejía dazu, die bewirkt, dass die Alkaloide rausgelöst werden.

» Dann fügt sie hinzu: «Den akullico lässt du für eine knappe Stunde im Mund und schluckst nur den Saft. Geübte Koka-Kauer nehmen bis zu 35 Blätter in den Mund, für dich reichen wohl zehn.» Ich befolge ihre Anweisungen und bald schon fühle ich, wie mein Mund, mein Zahnfleisch und meine Zunge betäubt werden. Es ist vergleichbar mit dem Gefühl nach einer Spritze beim Zahnarzt. Nach kurzer Zeit spüre ich wirklich ein Gefühl von Euphorie und Energie.

Trotzdem werde ich mich in Zukunft wohl wieder mit dem Mate de coca (Koka-Tee) begnügen – die Wirkung der Blätter ist mir zu stark und schädigt auch mein Zahnfleisch.

Koka ist nicht gleich Kokain

«Das Kauen von Kokablättern löst keine Abhängigkeit aus und ist in den Andenländern absolut legal», meint Fátima.

«Wieso wird Koka immer mit Kokain gleich gesetzt? Wenn Koka illegal wird in Bolivien, wie das beispielsweise die USA anstreben, verlieren wir einen grossen Teil unserer Kultur und unserer Traditionen. Koka hat in unserem täglichen Leben einen so hohen Stellenwert.»

Kokain sei zuerst als schmerzbetäubendes Medikament eingesetzt worden, bevor es dann im 20. Jahrhundert zu einer weit verbreiteten Droge wurde.

Auch hier in Bolivien ist das Kokain ein grosses Problem, da es sehr rein und sehr billig auf dem Schwarzmarkt erhältlich ist. Claudia Risch

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