Von finnischen Sommern träumen

Neue Heimat Appenzellerland: Seit einem Jahr führt die Finnin Anne Hurmerinta zusammen mit ihrem holländischen Partner das Restaurant Mühleggli in Gonten. Doch die meiste Zeit verbringt sie in der St. Galler Sporthalle Kreuzbleiche.

Julia Nehmiz
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Auf der Terrasse des «Mühleggli» – Anne Hurmerinta geniesst mit Hund Holder die Frühlingssonne. (Bild: miz)

Auf der Terrasse des «Mühleggli» – Anne Hurmerinta geniesst mit Hund Holder die Frühlingssonne. (Bild: miz)

GONTEN. Kaiserwetter im Appenzellerland. Rauhreif lässt die Wiesen funkeln, Alpstein und Kronberg grüssen schneebedeckt, und über allem strahlt die Morgensonne. Frühling liegt in der Luft.

Anne Hurmerinta hat das Restaurant Mühleggli schon geöffnet. Ihr Partner Jacob van Seijen werkelt in der Küche, Hurmerinta macht für den Besuch Kaffee. Sonnenstrahlen fluten den hellen Gastraum. Ein bisschen müde sieht Anne Hurmerinta aus. «Die Präsenzzeiten in der Gastronomie sind enorm», sagt die 34-Jährige und lacht. Das gehöre nun mal dazu, wenn man seinen eigenen Betrieb führe. Aber es mache ihr nichts aus, an Wochenenden und Feiertagen zu arbeiten. Das letzte Mal richtig Ferien gemacht hat das junge Wirtepaar im September 2013, und im Februar haben sie eine Woche frei gehabt.

St. Galler «Handball-Oma»

Doch Anne Hurmerintas Tage sind nicht nur wegen des Restaurants voll – seit 2012 arbeitet sie in einem 50-Prozent-Pensum in der Administration im Abtwiler Zentrum für Medizin und Gesundheit.

Und das ist noch nicht alles: Vier Abende pro Woche trainiert die Linkshänderin mit dem ersten Team des LC Brühl Handball in St. Gallen. An zwei Mittagen kann sie freiwillige Trainings besuchen, am Wochenende geht es zu den Wettkämpfen. Die Brühlerinnen spielen in der höchsten Schweizer Liga, Nationalliga A, diese Saison waren sie auch im Europa-Cup.

Momentan befindet sich die Equipe auf Rang drei, keine Chance mehr, um den Meistertitel mitzuspielen. «Ja, diese Saison ist nicht so erfolgreich verlaufen wie andere», sagt Hurmerinta, die schon mehrere Schweizer Meistertitel und Cup-Siege mit dem LC Brühl gewonnen hat. Aber das Team habe sich komplett neu formiert, viele junge Spielerinnen sind in den vergangenen zwei Saisons dazugestossen. «Ich bin mit Abstand die Älteste, quasi die Handball-Oma», sagt Hurmerinta und lacht. Seit neun Jahren spielt sie für den LC Brühl.

Wieso eigentlich? Da muss die zierliche Hurmerinta ausholen. Aufgewachsen ist sie im finnischen Karjaa – auf schwedisch Karis, Hurmerinta gehört zur schwedischen Minderheit in Finnland, spricht aber fliessend Finnisch. In der Kleinstadt – «von der Grösse her ist Karis vergleichbar mit Herisau» – ist die eigentliche Randsportart Handball populär. «Alle haben damals Handball gespielt bei BK-46.» So auch Anne Hurmerinta.

Klöntaler Begegnung mit Folgen

Während ihres Sportstudiums mit Schwerpunktfach Gesundheitsförderung sucht sie für die Sommerferien 2003 einen Job im deutschsprachigen Ausland – sie wird fündig im Glarner Hotel Rhodannerberg, oberhalb des Klöntalersees. In den drei Monaten, die sie dort als Aushilfe arbeitet, trifft sie Jakob van Seijen. Eine zauberhafte Begegnung mit Folgen – der holländische Küchenchef und die finnische Studentin verlieben sich. Hurmerinta muss zurück nach Finnland, doch im nächsten Sommer zieht es sie wieder ins Klöntal. «Hauptsächlich wegen Jakob», wie sie lachend anfügt.

Nachdem Hurmerinta ihr Studium abgeschlossen hat, ist klar, dass sie zu Jakob van Seijen in die Schweiz zieht. Bei mehreren Handballclubs kann sie ein Probetraining absolvieren, beim St. Galler Traditionsverein LC Brühl gefällt es ihr am besten. Einen Job zum Geldverdienen zu finden gestaltet sich schwieriger. Hurmerinta wird schliesslich in dem Gastronomiebetrieb fündig, in dem ihr Freund als Küchenchef arbeitet.

Heimweh nach der Sommerluft

2007 macht das junge Paar sich selbständig. Zuerst mit dem «Marktplatz» in Herisau, dann mit der «Zunftstube» in Gossau und seit einem Jahr im innerrhodischen Gonten. «Hier sind wir sehr zufrieden», sagt Anne Hurmerinta, sie seien gut aufgenommen worden. Viele Einheimische, Vereine und Stammtische besuchen das gemütliche Restaurant regelmässig.

Wie es weiter geht, weiss Hurmerinta noch nicht. Zuerst muss sie entscheiden, ob sie nächste Saison weiterhin beim LC Brühl spielen will. «Ich liebe es, nach dem Training völlig kaputt aus der Halle zu kommen.» Aber der Körper mache nicht mehr alles mit. Nach einem «Totalschaden» im rechten Knie vor drei Jahren kann sie das Bein nicht mehr richtig beugen und strecken. Noch sei ihre Heimat die Ostschweiz – beruflich in Gonten und Abtwil, privat in Schwellbrunn. Dort wohnt das Paar seit zwei Jahren, zusammen mit Hund Holder.

Doch ab und an hat Anne Hurmerinta Heimweh, «immer noch, nach all den Jahren». Vor allem den finnischen Sommer vermisse sie. «Es ist permanent hell, man kann nachts draussen lesen, die Stimmung ist leichter, das Licht macht glücklich, und die finnische Sommerluft, die nach Birkenwald und Meer schmeckt, ist einfach unbeschreiblich», schwärmt sie, und ihre Augen strahlen. Im Handball sei sie zwar alt, aber eigentlich noch jung: «Wer weiss, wo uns das Leben noch hinführt.»

www.muehleggli-gonten.ch

Bild: JULIA NEHMIZ

Bild: JULIA NEHMIZ