Von einem König auf die Matten gelegt

«Very funny», sagt er in die Fernsehkamera und lächelt. Er, das ist ein asiatischer Tourist auf dem Säntis, der soeben von Nöldi Forrer, dem Schwingerkönig von 2001, auf die Matten gelegt worden ist.

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Ungleicher Kampf: Asiatischer Tourist im Zweikampf mit Nöldi Forrer, beobachtet von Urban Götte und einer Fernsehkamera. (Bilder: gä)

Ungleicher Kampf: Asiatischer Tourist im Zweikampf mit Nöldi Forrer, beobachtet von Urban Götte und einer Fernsehkamera. (Bilder: gä)

«Very funny», sagt er in die Fernsehkamera und lächelt. Er, das ist ein asiatischer Tourist auf dem Säntis, der soeben von Nöldi Forrer, dem Schwingerkönig von 2001, auf die Matten gelegt worden ist. «Wie der Rotor eines Helikopters» habe er sich gefühlt, ergänzt der Tourist, denn Forrer hatte den schmächtigen Mann erst einige Male herumgewirbelt, ehe er ihn zu Boden drückte.

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Samstag, gegen 11 Uhr. Schon beim Verlassen der Kabine der Säntisbahn auf dem Gipfel sind bodenständige Klänge zu hören, Schelleschötte und Zauren. Die Panoramahalle auf dem Säntis präsentiert sich an Pfingsten ungewohnt: Tische und Bänke sind aufgestellt, ein Infostand informiert, an Marktständen wird allerlei Gluschtiges verkauft, ein altes Rösslikarussell wartet auf halbwüchsige Gäste. Und mitten drin: die Sennen des «Echos vom Säntis» mit ihren Schellen und den Talerbecken.

Gleich nebenan liegen einige blaue Turnermatten auf dem Boden, daneben stehen vier Schwinger vom Schwingclub Wattwil.

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«Guet!», ruft Nöldi Forrer den beiden Nachwuchs-Schwingern Remo Bischof und Urban Keller zu, die sich im improvisierten Ring ohne Sägemehl gegenüberstehen. Zuschauer schauen zu, Forrer macht den Kampfrichter.

Die beiden Jungschwinger sind offenbar etwa gleich stark, jedenfalls dauert der Zweikampf lange, ehe einer der beiden obsiegt.

«Wir werden oft zu Schauschwingen eingeladen», sagt Forrer später, «beispielsweise für Firmenanlässe.» Doch eigentlich ist das Schwingen anlässlich der «Säntis-Chilbi» nicht als Schaukampf, sondern als Workshop angepriesen.

Allerdings hat bislang niemand den Mut, gegen die 1,90-Meter-«Schränke» Nöldi Forrer und Urban Götte oder gegen einen der beiden jungen Wilden aus dem Toggenburg in den Ring zu treten – mit Ausnahme des erwähnten asiatischen Touristen.

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Im Halbstundentakt fährt die Bahn auf den Säntis, betreten neue Besucher die zur Chilbi umfunktionierte Panoramahalle. Die Schellen sind für einen Moment verstummt. Dafür rollen die Fünfliber durch die Talerbecken – und ziehen Schaulustige an.

Es wird nicht beim Schauen bleiben, denn die Hemmschwelle bei diesem Workshop liegt augenscheinlich tiefer als bei jenem der Schwinger. Ungleich talentiert, aber gar nicht schlecht für Laien, versuchen sich ein halbes Dutzend Leute in der traditionellen Alpstein-Fünflibermusik. Mindestens dreimal so viele Leute sehen zu, Fotoapparate klicken und blitzen, Münder kommentieren in diversen Sprachen.

Die Sennen, unterstützt von den Schwingern, geben Tips, klauben entflohene Fünfliber vom Boden auf, lassen sie in den Talerbecken weiterrollen. «Riesenspass für Gross und Klein» – bei den Talerschwingern scheint der Slogan aus dem Prospekt der «Säntis-Chilbi» kein leeres Wort zu sein.

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«Sehr positiv», wird Philip Herrmann, Leiter Gastronomie Säntisgipfel, am späteren Sonntagnachmittag am Telefon sagen, gefragt nach der Bilanz der Chilbi, die aus Anlass des 75-Jahr-Jubiläums der Säntisbahn erstmals stattfand.

Während der Samstagabend mit Stobete und Barbetrieb eher verhalten besucht worden sei, seien besonders am Sonntag sehr viele Gäste an der Chilbi gewesen. Viele Leute wollten laut Herrmann Schelleschötte und Talerschwingen selber ausprobieren, während der Respekt davor, mit den Wattwiler Top-Schwingern in den Ring zu steigen, offenbar bei vielen sehr hoch war.

Ob die Säntis-Chilbi nächstes Jahr erneut durchgeführt wird, liess Philip Herrmann offen: «Das ist noch nicht entschieden.»

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Samstag, früherer Nachmittag. Der Ausblick vom Säntis nach Norden zeigt ein Wolkenmeer, das den Bodensee unsichtbar macht. Die Bahn verlässt den Gipfel mit einem Dutzend Fahrgästen. Ungleich voller ist die andere Kabine, wie ein Blick beim Kreuzen der Kabinen zwischen Mast 1 und Talstation verrät. «Auf Wiedersehen», sagt der Kabinenführer bei Ankunft auf der Schwägalp.

Der Drehorgelmann, der vor der Talstation die Gäste begrüsst respektive verabschiedet, dreht seine Musik.

Benno Gämperle

Selber probieren: Viel Volk beim Workshop «Talerschwingen».

Selber probieren: Viel Volk beim Workshop «Talerschwingen».