Von einem inspirierenden Lebensstil

Daniel Camen klettert, seit er 14 Jahre alt ist. Für ihn ist das aber mehr als nur ein Hobby: Er machte sich das Klettern zum Beruf. Seit zwei Jahren arbeitet der Teufner in der Kletterhalle im Westen von St. Gallen. Die Sommeraktion «mobil» führt Redaktor Berlinger zu ihm.

Guido Berlinger-Bolt
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Bild: GUIDO BERLINGER-BOLT

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TEUFEN/WINKELN. Beweglichkeit, Kraft, Inspiration und Konzentration: Der Klettersport verlangt einem weit mehr als nur ein paar Handgriffe und den vermeintlichen Mut ab. Daniel Camen ist Instruktor in der Kletterhalle zwischen Winkeln und Abtwil. Das sagte er mir, als wir uns irgendwann letzten Herbst kennenlernten. Mir fiel seine offensichtlich ausgereifte Seiltechnik auf, als wir im Rahmen eines Freiwilligeneinsatzes ein Waldsofa bauten. Ich musste nachfragen.

Jetzt stehen wir an seinem aussergewöhnlichen Arbeitsplatz; 17 Meter geht es die Wand hoch, teils überhängend. Und wer mit Daniel über seinen Beruf spricht, lernt sehr rasch: Mit Mut hat Klettern wenig zu tun, viel mehr aber mit Konzentration, mit Vertrauen und Selbstvertrauen, mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. In der Kletterhalle sind alle per Du – man arbeitet schliesslich sehr eng zusammen, ein «Sie» in der Seilschaft wirkte sperrig und deplaziert. Und so wollen wir es auch in diesem Text halten.

Sport und Freunde

Etwa 14 Jahre alt war Daniel, als er an einem J+S-Kletterlager teilnahm; das Klettern liess den 34-Jährigen gebürtigen Unteregger seither nie mehr los. «Klettern hat einen sportlichen Aspekt», sagt er. «Da ist die Bewegung und die Kraft. Klettern fordert von einem daneben, das eigene Potenzial abzuschätzen, zu hinterfragen, ob eine gewählte Route mit dem eigenen Können machbar ist. Klettern schult das eigene Risikomanagement.» Jeder Kletterer und jede Kletterin arbeite mit den eigenen Fähigkeiten; die eigenen Grenzen zu erkennen, ist im Klettersport zugleich Reiz und Notwendigkeit. Er betreibe eine Sportart, die Risiken birgt, dessen ist sich Daniel sehr wohl bewusst. Er betont aber: «Man ist immer gesichert – anders als beim Skifahren oder beim Motorradfahren.» Wer über das nötige Wissen in der Sicherungstechnik verfügt, betreibe einen sicheren Sport, ist er deshalb überzeugt.

Reisen und Familie

«Klettern», fährt Daniel fort, «hat zudem einen sozialen Aspekt: Als Jugendlicher ging ich mit meinen Freunden klettern – ich habe wunderschöne Erinnerungen daran.» Und Klettern heisst, Verantwortung zu übernehmen. Denn wie gesehen: Klettern heisst immer auch Sichern.

Daniel absolvierte nach der Schulzeit eine Zimmermannslehre; auf dem Bau lernte er, dass eine gefährliche Situation selten aus dem Nichts heraus entsteht, sondern immer eine Folge von Entscheidungen ist. Das gelte auch in einer Felswand oder in der Kletterhalle, sagt der Teufner. Später bildete sich Daniel zum Ergotherapeuten weiter und arbeitete mit Jugendlichen im arbeitstherapeutischen Rahmen. Schliesslich kam der Entschluss, das Hobby zum Beruf zu machen, und er liess sich zum Kletterinstruktor ausbilden. Wobei Daniel auch sagt, dass Klettern ein «inspirierender Lebensstil» sei. Für den zweifachen Familienvater steht das Klettern immer auch im Zusammenhang mit der Natur: «Erst in der Felswand wird Klettern zu einem Gesamterlebnis. Die Natur fordert von einem viel Intuition: Griffe erkennen, Zweifel beseitigen – in der Kletterhalle hingegen ist alles ganz klar.» Und: Das Klettern steht für Daniel immer im Zusammenhang mit dem Reisen. Ein Jahr bereiste er zusammen mit seiner Frau Europa auf der Suche nach schönen Kletterrouten. Eben kehrte er aus einem längeren Familienurlaub auf Korsika zurück.

Er sei kein leistungsorientierter Kletterer, sagt Daniel. «Ich suche schöne Routen und das Erlebnis in der Wand.» Mit zwei Kindern im Vorschulalter ist er derzeit froh, wenn er überhaupt etwas Freizeit findet, um zu klettern.