Von den Tücken des Büchersammelns

Seit Jahren nun machen sich die Bibliotheken für die Leseförderung stark mit Projekten wie Buchstart, Erzählnacht und Antolin, weibeln für attraktive Lesestuben zum Stöbern und Verweilen – und nun das!

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Seit Jahren nun machen sich die Bibliotheken für die Leseförderung stark mit Projekten wie Buchstart, Erzählnacht und Antolin, weibeln für attraktive Lesestuben zum Stöbern und Verweilen – und nun das!

Vergangenen August überraschte der Direktor der Universitätsbibliothek Hagen mit einer recht merkwürdigen Publikation über die Gefahren im Umgang mit Büchern und Bibliotheken. Der Titel: Büchergrüfte – Warum Büchersammeln morbide ist und Lesen gefährlich. Das Bändchen beinhaltet Eric W. Steinhauers Halloween-Vorlesungen an der Humboldt-Universität in Berlin. Und er setzt seine These schelmisch, verschmitzt um. Auch in der Aufmachung. Natürlich ist der Einband schwarz, der Haupttitel blutrot. «Achtung giftig!», warnt das Vorsatzpapier, übersät mit Totenschädeln und gekreuzten Knochen. Auf den Buchseiten eingestreut flattern Fledermäuse, tummeln sich Ratten, flimmern Leselichter, grinsen Schädel mit bleckenden Zähnen. Der Autor weiss sein Fachwissen kundig und spannend zu vermitteln. In sieben Kapiteln berichtet Eric W. Steinhauer von Tod und Verfall, Leichen, anthropodermischen Einbänden, verschimmelndem Altpapier, Leseseuchen, Monstern und Melancholie. Vom Sterben der Bücher, der Bibliotheken real und im übertragenen Sinn. Er recherchiert und macht sich Gedanken über die Beschreibmaterialien und deren Endlichkeit, über Hygienemassnahmen der Leihbibliotheken, über die Schädlichkeit der Vielleserei, über die Verbreitung und Nachwirkung «fixer Ideen».

Dabei beginnt alles ganz harmlos. «Für Menschen, die Bücher lieben, sind Bibliotheken überaus freundliche und sympathische Orte. Hören sie das Wort Bibliothek, so entsteht vor ihrem geistigen Auge das Traumbild eines gemütlichen Lesesaales, wo in gedämpftem Licht edel gebundene Bände in schönen Regalen stehen; bequeme Sessel laden zum Verweilen ein und zu ausgiebiger Lektüre. Eine etwas zu strenge Bibliothekarin könnte dieses Idyll vielleicht ein wenig stören…».

Dass das Bücherwissen seit Internet und Google books nicht mehr nur in Bibliotheken gehortet wird, dass physische Bücher ihre Funktionalität partiell eingebüsst haben, dass Bibliotheken trotzdem in Pflicht genommen werden als Garanten des kulturellen Gedächtnisses, ist nicht neu, aber Steinhauers Ansatz, die Betrachtung der Bibliothek als geistigen Friedhof, «der die Vergeblichkeit so vieler, ja der meisten literarischen Anstrengungen sinnfällig verkörpert…».

Fazit: ein wunderbares, gut recherchiertes und schön gestaltetes Büchlein zum Gruseln, insbesondere für Bibliothekarinnen und Bücherliebhaber – gerade richtig für einen kalten, nebligen Dezembertag.

Noch ein Tip: All diese morbiden Widrigkeiten lassen sich vermeiden, wenn Sie unser eMedien-Angebot auf www.dibiost.ch nutzen.

Doris Ueberschlag,

Innerrhodische

Kantonsbibliothek Appenzell

Steinhauer, Eric W. Steinhauer: Büchergrüfte: Warum Büchersammeln morbide ist und Lesen gefährlich. – Darmstadt: Lambert Schneider, 2014. (ISBN 978-3-650-40021-5)

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