Von Blütenranken und «Lock-Stoffen»

Rund 50 Personen, unter ihnen viel Prominenz aus der Textilbranche, folgten kürzlich der Einladung der Bibliothek Speicher-Trogen zum Thema «Lock-Stoffe».

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SPEICHER. Der Abend war, ganz im Sinne des Jugendstils, von A bis Z der Ästhetik gewidmet: zeitgenössische Klänge fürs Ohr, zeitgenössische Gaumenfreuden für den Geschmack, zeitgenössische Stoffe fürs Auge sowie Einblicke in die damaligen Lebensentwürfe setzten einen weiteren Lichtpunkt im Jubiläumsjahr des 50jährigen Bestehens der Bibliothek Speicher-Trogen.

Texte und Textilien

In seiner Einleitung kam Max R. Hungerbühler, Präsident des Schweizerischen Textilverbandes, mit spannenden Fragestellungen auf das Zeitgefühl des Jugendstils zu sprechen: Welches sind Verbindungen der St. Galler Stickereien mit der Musik von Erik Satie? Was hat die Architektur des Jugendstils mit weisser Bohnensuppe zu tun? Wo liegen Gemeinsamkeiten im Geburtsdatum wissenschaftlicher Betriebswirtschaftslehre mit dem Streben nach Schönheit? Die Beantwortung überliess er Monika Kritzmöller, Privatdozentin an der Universität St.

Gallen, die sich als freie Wissenschafterin mit Phänomenen von Alltagskultur und Lebensstil auseinandersetzt. Monika Kritzmöller hat sich als bekennender Fan des Fin de Siècle und eben auch von Stickereien mit «St. Gallen als Textil- und Jugendstil-Stadt» auseinandergesetzt und ihrem gleichnamigen Buch den Untertitel «Lock-Stoffe» verliehen.

Monika Kritzmöller – sie selbst eine personifizierte Inszenierung des Jugendstils – nahm das von Raissa Zhunke stimmungsvoll vorgetragene «Je te veux» des Komponisten Erik Satie zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen.

Im Zeichen der Schönheit

In einem fulminanten Abriss schlug sie den Bogen vom eben gehörten Liebeslied, das ja das Werben des Mannes um die Frau beschreibt, zum Verhalten der Frau jener Zeit, die die Avancen gerne zulässt, sie mittels Lockstoffen verstärkt

und mit Raffinesse zwischen Zeigen, Verstecken und Verführen spielt, deren Basis im Paris um 1900 auch in St. Galler Stickereien lag. Dass aber jene Zeit nicht nur Eitelkeiten zu bieten hatte, zeigte sich auch in Errungenschaften auf verschiedenen Gebieten, die direkte Bahnverbindung St. Gallen–Paris war nur eine davon.

Die Zeit des Jugendstils war eine Zeit des Umbruchs. Nach der ungezügelten Industrialisierung machten sich mehr und mehr ernsthafte negative Auswirkungen wie Umweltschäden und gravierende gesellschaftliche Probleme wie Armut oder schlechte gesundheitliche Bedingungen bemerkbar. Diese Erkenntnisse führten dazu, die Natur als etwas Kostbares zu schätzen und nicht mehr als etwas zu Bezwingendes. Hier sieht Kritzmöller einen deutlichen Unterschied zur aktuellen Umbruchzeit.

Im Gegensatz zu heutigen oft schwarzmalenden Zukunftsszenarien bestand damals eine positive Vision, deren Ziel es war, durch die Optimierung der «Umgebung» eine allgemeine Verbesserung der Lebensumstände herbeizuführen. Stichworte wie Ästhetik und Geschmacksbildung bildeten unter anderem die Leitideen für Lebensreformbewegungen jener Zeit, welche aber nicht schöngeistige Worthülsen blieben, sondern sich ganz konkret in der Architektur oder auch in sozialen Bewegungen manifestierten.

Grosser Aufwand, viel Applaus

Für Monika Kritzmöller ist St. Gallen heute noch eine verlockende Stadt, wie sie verlockender nicht sein könnte. Sie leitete über zu den Verlockungen des Gaumens, wurde den Gästen doch weisse Bohnensuppe mit Fleurons serviert. Das Bibliotheksteam hat mit diesem Abend einen Glanzpunkt gesetzt; entsprechend gross und dankbar war der Applaus für den enormen Aufwand. (pd)

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