Vom Wüstensand paniert

An die 30mal reiste Verena Messerli aus Speicherschwendi in den letzten 20 Jahren nach Marokko. In den endlosen Wüsten des Landes erkundete die 59-Jährige die Kultur der Berber. Morgen hält sie in Speicher einen Vortrag darüber.

Chris Gilb
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Verena Messerli mit einem Dromedar auf einer ihrer Wüstentouren. Als Schutz vor dem Sand der marokkanischen Sahara trägt sie einen Turban. (Bild: pd)

Verena Messerli mit einem Dromedar auf einer ihrer Wüstentouren. Als Schutz vor dem Sand der marokkanischen Sahara trägt sie einen Turban. (Bild: pd)

SPEICHERSCHWENDI. Auf dem Rücken eines Dromedars sitzend, ihren Körper und ihren Kopf in Tücher gehüllt, die endlose Wüste um sich: So geniesst Verena Messerli das Leben. Vor zwanzig Jahren machte die heute 59-Jährige diese Erfahrung zum erstenmal. «Ich bin als junge Frau schon immer viel gereist, hauptsächlich auf den Spuren indigener Kulturen, die klassischen Strandferien waren weniger mein Fall.» Dann, nachdem sie die stressige Zeit ihres Studienabschlusses endlich hinter sich gehabt hatte, habe sie das Bedürfnis verspürt, sich selbst wortwörtlich in die Wüste zu schicken, sagt Messerli. Diese Wüste fand sie in Marokko. Dort unternahm sie eine mehrtägige Wüstentour auf Dromedaren. Geleitet und begleitet wurde die Tour von einem Berber-Clan, der zu ihrer zweiten Familie werden sollte. «Ich freundete mich langsam mit den Mitgliedern des Clans an, vor allem mit einem Sohn, der in Rabat studiert hatte, aber zu seiner Familie zurückgekehrt war, um sich für den Erhalt seiner Kultur einzusetzen.»

Auf die Kultur eingelassen

Diese Form von nachhaltigem Tourismus fand Messerli spannend. «Die Berber mussten durch die fortschreitende Zivilisation in den letzten Jahrzehnten zunehmend sesshafter werden; auf den Trekkingtouren führten sie mich deshalb gewissermassen durch das Kinderzimmer ihrer Kultur», sagt Messerli. Seit dieser Reise nach dem Studium kehrt sie immer wieder zu diesem Clan zurück. Je nachdem, wie sie unterwegs ist und wie lange sie bleibt, übernachtet sie manchmal im Hotel, manchmal in der einfachen, aber, wie sie sagt, atmosphärischen Unterkunft der Berber. «Ich habe mich von Aufenthalt zu Aufenthalt immer mehr auf ihre Kultur eingelassen und somit Vertrauen aufgebaut.» Dadurch sei es ihr auch möglich gewesen, irgendwann Kontakt zu den Berberfrauen aufzunehmen. Denn bei dem Wüstenvolk gingen Männer und Frauen getrennten Aufgaben nach – das Führen der Dromedare und das Kochen auf Wüstentouren sei eigentlich Aufgabe der Männer. «Die Geschlechter sind getrennt, aber untereinander gleichberechtigt», sagt sie. Auch Arbeit hat sie dem Clan über die Jahre immer wieder gebracht. «Ich habe oft Freunde aus der Schweiz auf Touren mitgenommen und dann vor Ort die Funktion der kulturellen Dolmetscherin übernommen.» Das Geld können die Berber gut gebrauchen, denn finanziell geht es dem Volk nicht gerade rosig. «Manchmal denke ich mit Wehmut zurück, wie es um die Kultur noch stand, als ich sie zum erstenmal erlebte», sagt Messerli. Der technische Fortschritt nütze der Kultur nicht nur. Das Handy sei zwar ein Segen, Internetverbindung und Satellitenschüssel würden aber auch Risiken bergen.

Vom Sandsturm überrascht

«Die Berber werden dadurch mit Auswüchsen der westlichen Konsumgesellschaft konfrontiert, die nicht einfach für solch eine traditionsbewusste Kultur sind.» Auch die modernen Wüstentouren mit den wenig ökologischen Jeeps oder die Allradwagen, mit denen nur zum Vergnügen über die Sanddünen gerast wird, beunruhigen sie.

Nervenaufreibende Erlebnisse hatte Messerli auch schon auf ihren tagelangen Ausflügen in die Wüste. «Einmal gerieten wir beispielsweise von einem Moment auf den anderen in einen Sandsturm. Schnell haben die Berber zum Schutz ein Zelt über uns aufgebaut, doch trotz dieses Schutzes waren wir in kurzer Zeit vom Sand paniert.»

«Einblicke in Lebenswelten von Berbern und Berberinnen»: Vortrag von Verena Messerli. Mittwoch, 4. November, evang. Kirchgemeindehaus Speicher, 19.30 Uhr

Verena Messerli Referiert über ihre Erlebnisse mit dem Volk der Berber (Bild: cg)

Verena Messerli Referiert über ihre Erlebnisse mit dem Volk der Berber (Bild: cg)