Vom Schlusslicht zum Leuchtturm

Bau des Panamakanals, ptolemäische Säulen in Alexandria, Straussenfarm in Neuseeland: Das Ausserrhoder Staatsarchiv erzählt Geschichten ausgewanderter Appenzeller und verabschiedet Archivgründer Peter Witschi, der in den Ruhestand tritt.

Roman Hertler
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Landammann Matthias Weishaupt überreicht Staatsarchivar Peter Witschi das Abschiedsgeschenk.

Landammann Matthias Weishaupt überreicht Staatsarchivar Peter Witschi das Abschiedsgeschenk.

Der Abend beginnt mit einer kurzen Einführung des abtretenden Staatsarchivars Peter Witschi. Ganz bescheiden, ohne grosses Brimborium um seine Person, führt er in das Thema ein, mit dem er sich in seiner Laufbahn oft auseinandergesetzt hat: Appenzeller in aller Welt. Das Thema, vor allem aber auch Peter Witschi, der nach 30 Jahren als erster Staatsarchivar von Appenzell Ausserrhoden in den Ruhestand tritt, haben am Mittwochabend viele Gäste nach Herisau gelockt. Die Alte Stuhlfabrik war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Das Programm startet mit einer eigens für den Anlass produzierten Filmsequenz. Philip Langenegger mimt darin eine flapsige Reinigungskraft, die ausgerüstet mit Putzwagen und Staubwedel durch die Magazine des Staatsarchivs wuselt. Von der Neugier übermannt, kann es der Hauswart nicht lassen, öffnet Schubladen und Kartonkisten, fällt dabei von der Leiter und schüttet garament noch das Beulen kühlende Flauder über den Landteilungsbrief von 1597.

«Herkulesaufgaben bewältigt»

Langeneggers komödiantische Einwürfe, die irgendwann vom Bildschirm direkt auf die Bühne der Stuhlfabrik übersiedeln, bilden den roten Faden zwischen den Geschichten über ausgewanderte Appenzeller, die von Witschis Archivmitarbeiterinnen – ausschliesslich Frauen – vorgetragen wurden: Da ist etwa der Vorderländer Ingenieur, der einem französischen Unternehmen geholfen hat, den Panamakanal zu bauen. Obwohl das Unternehmen wegen Malaria, Erdrutschen und Geldnöten scheiterte, kehrte er als reicher Mann in die Schweiz zurück. Fort geblieben ist hingegen der Herisauer Theologe und Mediziner, der sich im Aufstand auf Kreta seine Orden als Sanitätsarzt verdiente und danach in Alexandria ein Bürgerspital aufbaute. Nebenher grub er ptolemäische Altertümer aus und wurde dafür geadelt, so dass er am Schluss den Namen Johannes Schiess Pascha trug und zum Vizebürgermeister von Alexandria ernannt wurde. Auch die Geschichten des Straussenfarmers in Neuseeland oder der Missionarsbraut in Südwestindien vermögen wohl ganze Erzählabende zu füllen.

Dieser Abend war aber Peter Witschi gewidmet, der das Ausserrhoder Staatsarchiv 1986 gründete und seither «Herkulesaufgaben bewältigte», wie es Landammann Matthias Weishaupt in seiner Laudatio formulierte. Zusammenführung des Landesarchivs Trogen und des Kantonsarchivs Herisau; hartnäckiges Engagement für ein modernes Archivgesetz und nicht zuletzt ein eigenständiges Archivgebäude in Herisau. Appenzell Ausserrhoden war zwar der letzte Kanton, der ein eigenes Staatsarchiv einführte, hat sich unter Witschi aber vom «Schlusslicht zum Leuchtturm» im interkantonalen Vergleich gemausert, beispielsweise im Hinblick auf die zunehmende Digitalisierung der Archivwelt.

Schliesslich überreicht der Landammann dem scheidenden Staatsarchivar das Abschiedsgeschenk: eine komplette Bibliographie mit Leseproben aus den zahllosen Büchern, Artikeln und Beiträgen, die Witschi in seiner Karriere publiziert hatte. Es sei nicht immer einfach gewesen, berichtet eine Archivmitarbeiterin, die Informationen für das Abschiedsgeschenk zusammenzutragen, ohne dass der aufmerksame Chef Wind davon bekam.

Der schusselige Hauswart, gespielt von Philip Langenegger, sollte eigentlich wissen, dass Getränke im Archiv verboten sind. (Bilder: HRT)

Der schusselige Hauswart, gespielt von Philip Langenegger, sollte eigentlich wissen, dass Getränke im Archiv verboten sind. (Bilder: HRT)

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