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Vom Beamten zum Judenretter

Er gehört zu den verkannten Helden: Der Appenzeller Carl Lutz hat im Zweiten Weltkrieg als Vizekonsul in Budapest 62 000 Juden gerettet. In einer Ausstellung ehrt die Gemeinde Walzenhausen ihren Bürger.
Michael Genova
Die Schweizer Gesandtschaft und ihr Vizekonsul Carl Lutz (rechts) waren für viele Juden im Zweiten Weltkrieg die letzte Hoffnung. (Bild: Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich/NL Carl Lutz)

Die Schweizer Gesandtschaft und ihr Vizekonsul Carl Lutz (rechts) waren für viele Juden im Zweiten Weltkrieg die letzte Hoffnung. (Bild: Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich/NL Carl Lutz)

WALZENHAUSEN. Als der Schweizer Vizekonsul Carl Lutz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Budapest zurückkehrte, erwartete ihn an der Schweizer Grenze ein Zöllner. Lutz hatte auf einen festlichen Empfang gehofft, doch der Zöllner stellte ihm nur die übliche Frage: «Haben Sie etwas zu verzollen?» Noch Jahre später beklagte er sich, dass diese Begrüssung der einzige Dank seines Vaterlandes gewesen sei. Der in Walzenhausen im Kanton Appenzell Ausserrhoden geborene Diplomat leitete zwischen 1942 und 1945 die grösste aller Judenrettungsaktionen und bewahrte so Tausende Menschen vor den Vernichtungslagern.

Lebensrettende Papiere

Carl Lutz kam Anfang 1942 als Vizekonsul nach Budapest und wurde in der Schweizer Gesandtschaft Leiter der Schutzmachtabteilung. In dieser Funktion vertrat er die Interessen von zwölf kriegsführenden Staaten. Lutz stellte sogenannte Schutzbriefe aus, die Juden die Ausreise nach Palästina ermöglichten. Die ungarische Regierung respektierte die schweizerischen Schutzbriefe, die so zu lebensrettenden Papieren wurden. Weil die Nazis Lutz als verlässlichen Diplomaten schätzten, erlaubten sie ihm, 8000 Schutzbriefe auszustellen. Als sich nach dem Einmarsch der Deutschen die Lage der Juden verschlechterte, wuchs der gewissenhafte Beamte über sich hinaus und reizte seinen Handlungsspielraum aus. So interpretierte er die von den Nazis bewilligten 8000 «Einheiten» nicht etwa als Personen, sondern als Familien und konnte dadurch 40 000 Menschen unter seinen Schutz stellen.

«Ein Befehl des Gewissens»

«Mit der Rettungsaktion sprang mein Vater über seinen Schatten, für eine solche Herausforderung war er eigentlich nicht prädestiniert», sagt Lutz' Stieftochter Agnes Hirschi. Sie beschreibt ihren Vater als stillen, introvertierten Menschen. Lutz wurde im ausserrhodischen Walzenhausen als eines von zehn Kindern in eine streng religiöse Familie hineingeboren. Seine Mutter war eine fromme Methodistin und ihr Ideal der tätigen Nächstenliebe hatte einen grossen Einfluss auf den zweitjüngsten Sohn. Dieser wollte ursprünglich Methodisten-Prediger werden, musste aber erkennen, dass er dafür zu schüchtern war. In Budapest wurden seine Rettungsaktionen zu einer inneren Verpflichtung. In einem Rückblick auf sein Wirken schrieb Lutz 1961 in der «NZZ»: «Für mich als Christ bedeutete die Notlage der Juden ein Befehl des Gewissens; ich suchte nach einem Weg, diesen Tausenden zum Tode Verurteilten beizustehen.»

Fehlende Anerkennung

Für seine Mission ging Lutz an seine körperlichen und seelischen Grenzen – auf eine Würdigung der offiziellen Schweiz wartete er vergeblich. Im Gegenteil: Nach seiner Rückkehr rügte ihn das EDA wegen angeblicher Kompetenzüberschreitungen. Erst 1995, zwanzig Jahre nach seinem Tod, ehrte ihn Flavio Cotti als Schweizer Helden. Ihr Vater sei zuletzt verbittert gewesen und habe sich fast täglich mit seiner Vergangenheit beschäftigt, sagt Agnes Hirschi. «Man kann vielleicht sagen, dass er damit nie ganz fertig wurde.»

Ausstellung im «Sonneblick» in Walzenhausen, 16. bis 31. August, täglich von 8 bis 17 Uhr.

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