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Vom Balkan über den Polarkreis nach Gibraltar: Wahlberliner mit Appenzeller Wurzeln reist im selbstgebauten Wohnatelier durch Europa

Für sein Projekt «Transversal Encounter» hat Emanuel Geisser ein Stipendium der Ausserrhodischen Kulturstiftung erhalten. Während acht Monaten will der in Gais aufgewachsene und in Berlin wohnhafte Künstler Europa bereisen. Das Erlebte hält er in einem periodisch erscheinenden Magazin fest.
Claudio Weder
Emanuel Geisser geniesst die Aussicht von seiner zukünftigen «Dachterrasse» aus. (Bild: PD)

Emanuel Geisser geniesst die Aussicht von seiner zukünftigen «Dachterrasse» aus. (Bild: PD)

Noch sieht er aus wie ein normaler Kleintransporter, der dunkelblaue Mercedes Sprinter, der zurzeit vor Emanuel Geissers Atelier steht. Seit vergangenem Oktober ist der in Gais aufgewachsene und in Berlin wohnhafte Künstler in Eigenregie daran, das Fahrzeug für eine Expedition durch Europa zu einem mobilen Wohnatelier umzubauen. Die Fenster, die Isolation sowie Teile des Bodens sind bereits eingebaut. Bis der Bus startklar ist, gibt es aber noch einiges zu tun: Die Stromversorgung fehlt noch, genauso wie die Wasseranschlüsse und die gesamte Inneneinrichtung.

Sowohl die Expedition als auch der Bau des Gefährts sind Teil eines Kunstprojektes namens «Transversal Encounter», für das Emanuel Geisser im vergangenen Jahr ein Artist-in-Residence-Stipendium (siehe Infobox) der Ausserrhodischen Kulturstiftung erhalten hatte. Ursprünglich wollte Geisser seine rund achtmonatige Reise bereits im April antreten. Doch der Innenausbau des Busses habe mehr Zeit in Anspruch genommen als gedacht. Der 44-Jährige erzählt:

«Es ist ein wahrhaftiges Hausbau-Projekt und eine Herausforderung für einen Amateur wie mich.»

Weil er noch nie zuvor in seinem Leben einen Bus umgebaut habe, müsse er sein Know-how zum grössten Teil aus Youtube-Tutorials beziehen.

Europa als fragiles Gebilde

Auf Reisen begibt sich der Wahlberliner mit Appenzeller Wurzeln aber nicht zum ersten Mal. Als Kind war es für ihn das Grösste, wenn er gemeinsam mit seinen Eltern während der Sommerferien wegfahren durfte. Und so geht es ihm auch heute noch: «Am wohlsten fühle ich mich unterwegs.» Auch das «Andere» habe ihn schon immer fasziniert. Nicht das Andere, das man nur in den exotischsten Winkeln der Welt vorfinde, sondern auch dasjenige, das bereits wenige Schritte von der gewohnten Umgebung entfernt liege. Wohl aus diesem Grund entschied sich Emanuel Geisser denn auch dafür, Europa als Reiseziel zu wählen, ein Kontinent, der für ihn «ein altbekanntes wie auch fremdes Forschungsfeld» sei, eine «abenteuerliche Kulisse mit verflochtenen Routen und überraschenden Serpentinen».

«Transversal Encounter» – ein Name, der sich mit einem Hauch halbernster Esoterik vom Ennio-Morricone-Titel «Incontro Trasversale» herleite – ist also zunächst eine Reise zu den überraschenden Orten von Geissers Heimatkontinent. «Meine Freundin, die mich begleiten wird, und ich wollen Orte besuchen, an denen wir noch nie waren, etwa Bulgarien oder Albanien. Auch der Polarkreis steht auf dem Programm.» Vielmehr noch ist das Projekt aber eine «Recherche von dynamischem Format», wie es Geisser nennt, «eine subjektive Vermessung des Kontinents mit künstlerischen Mitteln».

Es gehe ihm vor allem darum, aus vorgefundenen Situationen, lokalen Landschaften und spontanen Begegnungen künstlerische Anliegen zu entwickeln. Gleichzeitig und nicht zuletzt deshalb, weil der künstlerische Blick per se schon immer mit einer historischen oder politischen Perspektive verbunden sei, wolle er Fragen nach der Identität und nach geografischen, historischen und politischen Ideen aufwerfen. Geisser:

«Europa ist heute anders, als ich es aus meiner Kindheit kenne.»

Die aktuellen politischen Situationen, etwa in Grossbritannien oder Osteuropa, würden immer mehr Zweifel an der als sicher geglaubten Idee Europa aufkommen lassen. Der Zeitpunkt, den fragilen Zustand des Kontinents mit künstlerischen Mitteln zu untersuchen, sei daher momentan besonders interessant.

Um Stimmen und Momentaufnahmen aus den unterschiedlichsten Regionen einzufangen, will Geisser Feldforschung betreiben. Er will im Van kein Outsider-Leben führen, sagt er, sondern sich mitten hinein begeben an interessante Stationen und in lokale Szenen. Gerade die Wechselbeziehung mit den vielfältigen regionalen Besonderheiten und Gegensätzen europäischer Kultur sei ihm ein zentrales Anliegen. Seine vielen internationalen Kontakte aus Berlin werden ihm beim Anknüpfen vor Ort behilflich sein.

Noch gleicht der Innenraum des Mercedes Sprinter einer Baustelle – bald soll hierdrin gelebt und gearbeitet werden. (Bild: PD)

Noch gleicht der Innenraum des Mercedes Sprinter einer Baustelle – bald soll hierdrin gelebt und gearbeitet werden. (Bild: PD)

Ein Künstlermagazin als Reisetagebuch

Als bildender Künstler hat Emanuel Geisser bereits die unterschiedlichsten Projekte realisiert – darunter vor allem Rauminstallationen, Multimediaprojekte und Collagen. Die geplante Expedition durch Europa werde ihn zu vielen neuen Arbeiten anregen, und es werde sich massenweise zu verarbeitendes Material ansammeln, ist Geisser überzeugt. Um das Erlebte und Gesehene zu verarbeiten und gleichzeitig öffentlich zu machen, soll ein Teil der während der Exkursion generierten Zwischenergebnisse in einem Künstlermagazin veröffentlicht werden, das Geisser während seiner Reise herausgeben wird.

Es soll periodisch erscheinen und Künstlerbuch, Materialsammlung, Forschungsbericht, Art-Zine, Travelogue, Logbuch, Fahrtenschreiber, Road-Movie, ästhetischer Thinktank und grafische Formulierung in einem sein. Das Magazin soll, wenn möglich, in lokalen Druckereien gedruckt werden. «Notfalls reicht auch ein Copyshop», so Geisser. Zudem sei auch eine Online-Version geplant. Wie oft und in welchen Abständen das Magazin erscheinen wird, sei noch nicht klar, sagt er. Auch die inhaltlichen Schwerpunkte seien noch offen. Sie werden sich jeweils spontan aus den vorgefundenen Situationen ergeben. «Alles ist möglich.»

Der Weg ist das Ziel

Spontaneität lässt Geisser überdies auch bei der Routenwahl walten. Eine genaue Route habe er nicht. Vielmehr sei der Weg das Ziel. «Es ist spannender, wenn man nicht von Anfang an weiss, welcher Ort sich um die nächste Ecke verbirgt», sagt er. Im Sommer wird er von Berlin aus starten. Und zwar erstmals in Richtung Norden. In den warmen Monaten sei der Zeitpunkt ideal dafür. Dennoch schwebt ihm eine Art Wunschroute vor:

«Transversal Encounter soll eine Reise quer und längs durch Europa sein – am besten vom Balkan über den Polarkreis bis nach Gibraltar.»

Ebenso weiss der 44-Jährige bereits heute, dass er auch seiner alten Heimat, dem Appenzellerland, einen Besuch abstatten wird.

Emanuel Geisser wurde 1974 in St. Gallen geboren, ist Bürger von Walzenhausen und verbrachte seine Kindheit in Gais. Seit vielen Jahren lebt er nun im Flachland, zunächst in Genf, dann in Hamburg. Später zog es ihn ins Künstler-Mekka Berlin, wo er seither lebt und arbeitet. Nichtsdestotrotz ist Emanuel Geisser im Appenzellerland vielfach mit Ausstellungen und Aktionen präsent. So hat er zusammen mit Peter Stoffel und Christiane Rekade 2002 die Appenzell Biennale ins Leben gerufen. Seinen Bezug zum Appenzellerland beschreibt er als eine Fernbeziehung. Das Hügelige bleibe jedoch seine Identität: «Ich trage es in mir. Und in die Welt hinaus.»

Artist in Residence

Seit 2012 vergibt die Ausserrhodische Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit dem Kanton Förderbeiträge für Auslandaufenthalte von Kultur- und Kulturschaffenden aller Sparten (Artist in Residence, AiR). Sie können für eine begrenzte Zeit an einem frei gewählten Ort ihre Projekte erarbeiten und umsetzen. In den Genuss einer AiR-Förderung können Künstlerinnen und Künstler kommen, die einen engen Bezug zum Kanton haben und bereit sind, ihre Erfahrungen, Werke oder Produkte nach Rückkehr ins kulturelle Leben des Kantons einfliessen zu lassen. Für dieses Jahr können Projekte noch bis Ende Juni eingereicht werden. (wec)

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