Vollpension und die Nebenkosten

Wirklich umwerfend ist die Nebenkostenabrechnung nicht, aber Freude löst sie auch nicht gerade aus. Vollpension auf der «Queen Mary 2» bedeutet wie in einem Hotel auch, dass die «Pension» mit dem Kauf des Arrangements abgegolten ist.

Michael Hug
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Die Freiheitsstatue grüsst die «Queen Mary 2» schon von weitem. (Bild: Michael Hug)

Die Freiheitsstatue grüsst die «Queen Mary 2» schon von weitem. (Bild: Michael Hug)

Wirklich umwerfend ist die Nebenkostenabrechnung nicht, aber Freude löst sie auch nicht gerade aus. Vollpension auf der «Queen Mary 2» bedeutet wie in einem Hotel auch, dass die «Pension» mit dem Kauf des Arrangements abgegolten ist. Bett und Mahlzeiten sowie die sonstigen freiwilligen Leistungen des Hotels wie Fernseher auf dem Zimmer oder WLAN sind schon vor dem Antritt der Reise (oder der Ferien) längst bezahlt. Selbst das Glas Champagner beim Zimmerbezug ist dabei inbegriffen. Das Glas ist auf der «QM2» eine ganze Flasche, sie steht in der Minibar, und zum Zeichen, dass man nicht zögern sollte, sie zu kredenzen – allerdings erst nach der obligatorischen Notfallübung, vorher bleibt keine Zeit –, stehen auf dem Tischchen gleich daneben demonstrativ zwei Champagner-Flûtes.

Fertig lustig mit gratis

Dann ist aber fertig lustig mit gratis. Jeder Whisky an einer der sieben Bars, jede Flasche Wein in den Bordrestaurants, jeder Massagegriff und jede Minute im Internet hat ihren Preis. Bargeld – «Cash» – braucht man auf dem Schiff trotzdem keines, dafür hat man eine Magnetkarte, die nicht nur die Kabinentür öffnet, sondern auch jede Konsumation sogleich auf das persönliche Bordkonto bucht. Auch die tägliche Trinkgeldpauschale von 11.50 $ wird so aufsummiert, dies ein «Trick» der Reederei, um die Einkünfte des Personals und dabei vor allem desjenigen im Hintergrund – 160 Köche und 85 Tellerwäscher – aufzubessern. Am Morgen der Ausschiffung steckt die Abrechnung dann im Briefkasten neben der Kabinentür, man schaut sich das Total an und erschrickt, aber zum tieferen Studium der aufgelaufenen Kosten bleibt keine Zeit. Mit dem Zettel zwischen den Zähnen ergreift man seine Koffer, begibt sich zum Besammlungspunkt auf Deck 3 und wartet auf Anweisungen.

Deck für Deck

Deck für Deck wird ausgeschifft. Zuerst die obersten, teureren Etagen, dann die mittelteuren, dann die billigen Plätze von Deck 5 und 4. Alle, die von Bord gehen, haben schon am Vorabend ihr Gepäck angeschrieben vor die Kabinentür gestellt. Die Gepäckträger holen es dann in der Nacht und bringen es nach dem Anlegen an der Mole in New York in die «Embarking/Disembarking Hall», wo es die Passagiere abholen können, um nachher den Zoll zu passieren. Diejenigen, die die weitere Kreuzfahrt in die Karibik gebucht haben, sind von alldem nicht betroffen, können weiterschlafen oder zum Frühstück schlendern. Womit nun auch erwähnt ist, dass das Ganze überaus früh am Morgen stattfindet. Die «Queen Mary 2» legt um sechs Uhr morgens an, völlig unromantisch ohne Sonnenaufgang oder Massen von Winkenden an der Mole.

Ein Heer von Beamten

Um punkt Sieben öffnet die U.S.-amerikanische Pass- und Zollkontrolle mit 12 Schaltern und einem Heer von Beamten. Innert 5 Stunden müssen alle aussteigenden Passagiere von Bord sein, denn schon um 14 Uhr kommen 2500 oder mehr neue Gäste aufs Schiff. Dazwischen muss die Königin gereinigt und gebunkert werden. Was heisst: Keiner und keine der 1350 Bediensteten hat jetzt frei, alle sind im Einsatz, tragen Gepäck, putzen Toiletten, beziehen Betten oder saugen die Korridore und müssen ausnahmsweise mal keine 3000 Mahlzeiten zubereiten. Köche und Tellerwäscher haben aber trotzdem keine Pause, denn sie müssen die Kühlzellen füllen: 50 Tonnen Obst und Gemüse, 12 Tonnen Fleisch und 8 Tonnen Geflügel, 2 Tonnen Käse und 20 000 Liter Milch sowie 32 400 Eier, 4 Tonnen Mehl, 2 Tonnen Zucker, 2 Tonnen Reis und allerlei sonstige Lebensmittel werden zugeladen.

Der Kniff beim Aussteigen

Es gibt einen Kniff, vor allen anderen auszusteigen, um so den Warteschlangen zu entgehen und unter den ersten zu sein, die durch die Passkontrolle marschieren: Das «Self Help Disembarking». Mensch, hilf dir selbst, trag deine Koffer eigenhändig runter und durch den Zoll, halt‘ schön brav deine Fingerbeeren auf den Laserscanner und du bist frei im Land der Freiheit. «Liberty», die Freiheitsstatue, hat die «Queen», das Schiff, schon vor zwei Stunden von ihrer Insel im Hudson River gegrüsst. Niemand hat es bemerkt, da alle noch geschlafen haben. Nur der mitreisende Journalist nicht. Der hat seinen Auftrag erfüllt, Fakten und Stimmung aufgenommen und dann «Liberty» und die Skyline von Manhattan abgelichtet. Dann hat auch er seine Koffer gepackt, sich selbst geholfen und sich nach Chinatown chauffieren lassen. Er hat morgens um halb acht im Hotel eingecheckt und ist dabei nicht einmal verwundert angeschaut worden. Im Land der Freiheit ist eben alles möglich.