Virtuose Brillanz charmant präsentiert

Violinsolist Ingold Turban versetzte in der Appenzeller Ziegelhütte das Publikum mit exquisitem Soloprogramm in Entzücken.

Ferdinand Ortner
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appenzell. Nach dem grandiosen Solo-Recital des französischen Meisterpianisten Dominique Merlet Anfang Juni konzertierte am vergangenen Freitagabend wieder ein Musik-Weltstar in der Ziegelhütte: der deutsche Geigenvirtuose Ingolf Turban.

Das hochklassige Solo-Programm umfasste eine bunte Palette faszinierender Werke der virtuosen Violin-Literatur renommierter Komponisten und Interpreten aus dem 18. bis ins 20. Jahrhundert.

Dabei schienen berühmte Namen wie Johann Sebastian Bach (1685–1750), Paul Hindemith (1895–1953), Niccolò Paganini (1782–1840) und Fritz Kreisler (1875–1962) ebenso auf wie einige bei uns weniger bekannte Komponisten und Geigenvirtuosen. So waren im Programm auch der Italiener Camillo Sivori (1815– 1894), der Belgier Eugène Ysaye (1858–1931) und der Deutsche Otto Soldan (1856–1933) vertreten.

In der stimmigen Atmosphäre der Ziegelhütte erlebte man eines jener besonderen Konzerte, die dem Publikum durch das überragende Können und die künstlerische Faszination des Interpreten eine neue Dimension des Musikerlebens eröffnen.

Souveräner Solist

«Alle lauschten und staunten», so könnte man die Situation schildern, als der Geigensolist Ingolf Turban mit Charme und Esprit ein musikalisches Feuerwerk zündete.

Er führte dabei auch in gewinnender Art mit Streiflichtern aus der Biographie der Komponisten und Anekdoten durch das exklusive Programm.

Die Darbietungen waren geprägt von Spielfreude, Souveränität und berührender musikalischer Ausstrahlung. Verblüffend die «akrobatische» Spieltechnik, die Klangkultur und die exzellente Virtuosität des Meistergeigers, der auch mit seiner ungemein nuancenreichen Tongebung bestach!

Herausragend die spielerische Leichtigkeit, mit der er – souverän auswendig spielend – die effektvollen Raffinesse der Finger- und Bogentechnik, wie Pizzicati, Trillerkaskaden, Flageoletts, Glissandi und Spiccati, beherrschte und mit subtiler Phrasierungskunst auch emotionale Akzente setzte.

Der Einstieg ins Konzertprogramm erfolgte unter dem Motto «Freundschaften» mit der dreisätzigen «Sonate pour violin seul», op.

27/14 des Spätromantikers Eugène Ysaye und den Kreisler-Violinsolostücken «Rezitativo und Scherzo», op. 6, die sich die beiden berühmten Virtuosen gegenseitig gewidmet hatten. Bei der Interpretation dieser romantischen Werke musizierte Ingolf Turban ausdrucksstark und stellte seine virtuosen Qualitäten dezent in den Dienst des gehaltvollen Vortrags. Man spürte auch die «Seelenverwandtschaft» der beiden Komponisten, die als Geigenvirtuosen einst weltberühmt waren. Sehr berührend zelebrierte der Solist auch das «Andante religioso» aus dem «Capriccio op.

25» des Paganini-Schülers Camillo Sivori.

Paganini-Variationen

Als «dämonischer Teufelsgeiger» präsentierte er sich dann mit Paganinis meistgespieltem Bravourstück, den Variationen über die seinerzeit beliebte Belcanto-Arie «Nel cor più non mi sento» («Mich fliehen alle Freuden»).

Es war begeisternd, wie brillant Ingolf Turban die immensen spieltechnischen und rhythmischen Raffinessen der vielschichtigen Solokomposition meisterte.

Als originelles Kabinettstückchen erwies sich das mit verblüffender Bogentechnik gespielte «Adagio religioso» von Otto Soldan, ein «Quartett für Violine solo». In der viersätzigen «Sonate für Violine allein», op. 2 in G-Dur von Paul Hindemith zeigt sich der Komponist von einer humorvollen Seite, in einem heiteren Opus, das Naturstimmungen widerspiegelt und in reizvollen Variationen über das Mozart-Lied «Komm, lieber Mai» mündet.

Höhepunkt des Konzertes

Zum absoluten Höhepunkt des Abends gestaltete Ingolf Turban den Vortrag eines der grossartigsten Werke für Violine solo, die «Partita Nr. 2 in d-Moll», BWV 1004 von J. S. Bach. Voll konzentriert, mit perfekter Technik und reifer Musikalität gelang ihm eine vollgültige Interpretation der fünf kunstvollen Suiten-Sätze, die von der eher düsteren Allemanda über die leichtfüssige Corrente, die gefühlsbetonte Sarabanda und die sehr bewegte Giga zum eigentlichen Highlight, der monumentalen Ciaccona, führten.

Diese erblühte in ganzer Schönheit und Strahlkraft und beeindruckte die Zuhörerinnen und Zuhörer so sehr, dass erst nach Augenblicken der Stille lang andauernder Beifall aufbrauste.