«Vier, drei, zwo, eins – Sprengung»

Konzentriert späht Ruedi Bösch in die Nacht hinaus. Die Scheibe des Führerstandes der Iltios-Bahn ist beschlagen, dicke Schneeflocken tanzen durch den Lichtkegel des Scheinwerfers, der auf die Schienen der 1195 Meter langen Standseilbahn scheint. «Der Schnee war leicht.

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Adrian Bösch bereitet die 2,5 Kilogramm «Avalanche» für die Sprengung vor.

Adrian Bösch bereitet die 2,5 Kilogramm «Avalanche» für die Sprengung vor.

Konzentriert späht Ruedi Bösch in die Nacht hinaus. Die Scheibe des Führerstandes der Iltios-Bahn ist beschlagen, dicke Schneeflocken tanzen durch den Lichtkegel des Scheinwerfers, der auf die Schienen der 1195 Meter langen Standseilbahn scheint. «Der Schnee war leicht. Das Gebläse scheint kein Problem damit gehabt zu haben, das Bahntrassee von Schnee zu befreien», sagt der Leiter Betrieb und Technik der Toggenburg Bergbahnen zu seinem Kollegen Peter Schenk. «Früher musste der ganze Schnee von Hand von den Schienen weg geschaufelt werden. Heute müssen wir höchstens bei extrem nassem Schnee die Laufräder für die Seilführung frei schaufeln», erläutert er. Da helfe auch das starke Gebläse, das vor die erste Bahn am Morgen gespannt wird, nicht immer. An diesem Tag sind die Mitarbeiter der Bergbahnen Toggenburg schon seit vier Uhr am Berg, um die Pisten für Skifahrer, Snowboarder und Wanderer zu präparieren und durch vorsorgliche Lawinensprengungen zu sichern.

Zu viel Wind – kein Betrieb

In der Zentrale der Bergbahnen auf dem Iltios gilt der erste Blick der Windgeschwindigkeits-Messung. Es gibt Messstellen auf dem Stöfeli, auf der vierten Stütze der Iltios-Chäserrugg-Bahn und auf dem Chäserrugg selbst. «Aufgrund der Messresultate können wir erstens abschätzen, ob der Betrieb überhaupt möglich ist und zweitens, ob durch Schneeverwehungen zusätzliche Sprengungen nötig sind», erklärt Ruedi Bösch. Bei einer Windgeschwindigkeit von aktuell 16 Kilometern pro Stunde auf dem Chäserrugg ist der Seilbahn-Betrieb gefahrlos möglich, so dass Peter Schenk mit den entsprechenden Vorbereitungen in der Betriebszentrale beginnen kann.

Mit Ruedi Bösch geht es mit dem Schneetöff durch den tief verschneiten Wald zuerst in Richtung Zinggen und dann hinauf bis zur Bergstation Ruestel auf 1730 Meter über Meer. Schon von weitem sind verschwommen die Scheinwerfer der Pistenfahrzeuge durch das Schneegestöber zu sehen, die den Neuschnee der vergangenen Nacht aus den Pisten Räumen und für die Wintersportler vorbereiten. «In dem steilen Gelände sind die Pistenfahrzeuge an Seilwinden fest gemacht, die am Berg fest im Boden verankert sind», erklärt Ruedi Bösch. Diese dienten zur Sicherheit, weil sie bergab das Fahrzeug abbremsen und bergauf die 490 PS starke Maschine unterstützen würden.

Lawinensprengung per Seilbahn

«Zum Glück war der Wind diese Nacht nicht zu stark, sonst wäre hier oben alles voll Schnee», sagt Ruedi Bösch, als er in der Bergstation des Sesselliftes Zinggen-Ruestel die Leiter zur Anlage hinauf klettert. Dennoch müsse alles auf allfällige Eisbildung kontrolliert und der Schnee – auch wenn es nicht viel sei – mit Druckluft entfernt werden, damit alles reibungslos und sicher funktioniere. Draussen heult kurz ein Motor auf und unten erscheint Adrian Bösch, der bereits seit zwei Stunden mit einem der modernsten Pistenfahrzeuge, seinem Kässbohrer 600W Polar, im Gelände unterwegs ist. «Wir müssen sprengen», ruft er seinem Bruder Ruedi zu und verschwindet in der kleinen Hütte der Bergstation, um den Sprengsatz vorzubereiten. «Die Gefahr einer Lawine ist nicht akut. Doch aus Erfahrung kann sich in diesem Hang oberhalb der Bergstation immer etwas lösen, das den Menschen hier unten gefährlich werden kann», erläutert Adrian Bösch. Behutsam drückt er die Zündschnur in das 2,5 Kilogramm schwere Paket aus «Avalanche», einem Sprengstoff zum Auslösen von Lawinen, der unempfindlich gegenüber Feuchtigkeit, aber noch viel wichtiger, sehr sicher in der Handhabung ist. Derweil testet Ruedi Bösch die von Hand betriebene Seilbahn, die den Sprengsatz zum so genannten Sprengpunkt bringen wird. «Die Funktionskontrolle der Seilbahn ist sehr wichtig. Man stelle sich vor, der Sprengsatz hängt an der Bahn, die Zündschnur brennt und das Zugseil klemmt – eine Situation an die ich lieber nicht denken will», bekennt Ruedi Bösch. Adrian Bösch hat zwischenzeitlich seine Vorbereitungen abgeschlossen und das handliche Paket kann an der Seilbahn festgemacht werden. «Die Zündschnur brennt vier Minuten», sagt Adrian Bösch, als die Sprengladung an der Bahn allmählich im Schneegestöber verschwindet und von der Dunkelheit verschluckt wird. «Vier, drei, zwo, eins...» Obwohl durch den Schnee gedämpft, zuckt der Explosionsblitz, gefolgt von dumpfem Grollen, grell durch die Dunkelheit. Sekunden später ist die Luft von kleinen Eiskristallen erfüllt, die sich mit den dicken Schneeflocken vermischen und kurzfristig das Atmen erschweren. Eine spätere Sichtkontrolle wird ergeben, dass die Sprengung ihre geplante Wirkung erzielt hat.

Verständnis erwünscht

Insgesamt gebe es auf der Achse Ruestel-Alt St. Johann fünf und auf der Achse Chäserrugg-Iltios-Unterwasser sieben Sprengpunkte, die für ihre potenzielle Lawinengefahr bekannt sind, erklärt Adrian Bösch im geheizten Pistenfahrzeug auf dem Weg zurück zur Talstation Zinggen. «Je nach Schneemenge und Verwehungen kommen aber noch andere dazu.» Einige der Sprengladungen müssten vom Helikopter aus plaziert werden. «Können die aber wegen schlechten Wetters nicht fliegen, müssen wir Pisten aus Sicherheitsgründen sperren, was bei manchen Personen nicht immer auf Verständnis stösst», bedauert er.

An der Talstation Zinggen wartet bereits Ruedi Bösch, der in der Zwischenzeit bei der Vorbereitung der anderen Lifte und Bahnen half. Zurück auf dem Iltios ist auch für den Betrieb der Seilbahn alles parat. «Jetzt können nur wir hoffen, dass sich das Wetter nicht noch mehr verschlechtert, ansonsten war die ganze Arbeit umsonst», sagt Ruedi Bösch. Urs M. Hemm

Die täglichen Vorbereitungen für den Skibetrieb dienen einerseits dem Komfort, vielmehr jedoch der Sicherheit der Skifahrer. (Bilder: Urs M. Hemm)

Die täglichen Vorbereitungen für den Skibetrieb dienen einerseits dem Komfort, vielmehr jedoch der Sicherheit der Skifahrer. (Bilder: Urs M. Hemm)

Nur dank einer Seilwinde kann sich das Pistenfahrzeug gefahrlos im steilen Gelände bewegen.

Nur dank einer Seilwinde kann sich das Pistenfahrzeug gefahrlos im steilen Gelände bewegen.

Ruedi Bösch, Leiter Betrieb und Technik bei den Toggenburg Bergbahnen, ist sich der Verantwortung seiner Arbeit sehr wohl bewusst.

Ruedi Bösch, Leiter Betrieb und Technik bei den Toggenburg Bergbahnen, ist sich der Verantwortung seiner Arbeit sehr wohl bewusst.

Ruedi Bösch zieht mit einer Seilbahn den Sprengstoff an den Ort der Sprengung.

Ruedi Bösch zieht mit einer Seilbahn den Sprengstoff an den Ort der Sprengung.