«Viele von Rassismus Betroffene schämen sich»

Seit elf Jahren berät die CaBi-Anlaufstelle gegen Rassismus Opfer von Diskriminierungen. Für die Mitarbeiter ist die Anlaufstelle nötiger denn je. Denn Rassismus ist in den letzten Jahren wieder salonfähig geworden.

Tobias Hänni
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ST. GALLEN. Der Asylbewerber, dem auf der Strasse ins Gesicht gespuckt wird. Der Jugendliche, der aufgrund seiner Hautfarbe nicht in einen Club gelassen wird. Die Kellnerin, die von ihrem Chef wegen ihrer Herkunft schlechter behandelt wird als ihre Schweizer Kollegen: Rassismus tritt im Alltag in verschiedensten Formen auf. Und er hat in St. Gallen offenbar spürbar zugenommen: «Ausländerfeindlichkeit ist in den letzten Jahren wieder salonfähig geworden», sagt Marina Widmer von der Cabi-Anlaufstelle gegen Rassismus an der Linsebühlstrasse, die Opfern von Diskriminierung ihre Hilfe anbietet (Kasten).

Gegen Schwarze und Moslems

Marina Widmer führt den zunehmenden Rassismus unter anderem auf die rechtskonservativen Kampagnen der SVP zurück, die seit den 1990er-Jahren eine fremdenfeindliche Haltung schüre. «Das ist eine permanente Hetze gegen Ausländer.» Am häufigsten äussere sich die Fremdenfeindlichkeit verbal. Waren in den 1990er-Jahren hauptsächlich Ex-Jugoslawen Ziel rassistischer Sprüche und Übergriffe, so seien es heutzutage Schwarze und Moslems. «Neben diesem Alltagsrassismus gibt es aber auch die strukturelle Diskriminierung», sagt Widmer. Dazu gehöre zum Beispiel die Ungleichbehandlung bei der Verwaltung, bei der Polizei, auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt. Von dieser institutionellen Diskriminierung sei meist die gesamte ausländische Bevölkerung betroffen.

Hohe Dunkelziffer von Fällen

Melden sich Diskriminierungsopfer bei der Anlaufstelle, wird in einem ersten Schritt ein Gespräch geführt. «Dabei geht es zuerst einmal darum, die Kränkung der Betroffenen anzuerkennen», sagt Walter Brunner. Der Sozialarbeiter ist einer von zwei ehrenamtlichen Beratern, die während der Öffnungszeiten in der Anlaufstelle präsent sind. Für die Betroffenen koste der Gang zur Anlaufstelle meist viel Überwindung. «Viele schämen sich oder resignieren und nehmen die Diskriminierungen irgendwann einfach hin.» Die Dunkelziffer der rassistischen Vorfälle sei deshalb entsprechend hoch.

Gespräche mit den Tätern

Bei den Fällen, die bei der Anlaufstelle gegen Rassismus gemeldet werden, wird das weitere Vorgehen in einer grösseren Gruppe besprochen. «Denkbar sind Beratungen, rechtliche Schritte oder bei extremen Vorfällen sogar öffentliche Demonstrationen», erklärt Marina Widmer. Wenn die betroffene Person damit einverstanden sei, werde auch das Gespräch mit dem Täter gesucht. Wie im Fall des Jugendlichen, der nicht in den Club gelassen wurde. «Da haben wir mit dem Geschäftsführer gesprochen», sagt Walter Brunner. Mit solchen Interventionen solle gezeigt werden, dass Rassismus nicht unbeobachtet bleibe und nicht geduldet werde.

Zu wenig Kapazitäten

Mehr als ein paar Dutzend Betroffene pro Jahr kann die Anlaufstelle nicht beraten. «Uns fehlen die Ressourcen», sagt Walter Brunner weiter. Auch die Informationsarbeit, mit der die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert werden soll, komme zu kurz. «Dafür bräuchte es eine besser finanzierte Stelle.» So haben die Mitarbeiter der Anlaufstelle der Stadt kürzlich vorgeschlagen, sich der «Internationalen Städtekoalition gegen Rassismus» anzuschliessen. Mit einem Beitritt würde sich St. Gallen verpflichten, Massnahmen gegen Rassismus zu ergreifen. Laut Walter Brunner soll der Vorschlag in das Integrationskonzept aufgenommen werden, das derzeit überarbeitet wird.