«Viele Jäger sind des Hasen Tod»

Eine deutliche Mehrheit der Ausserrhoderinnen und Ausserrhoder sagte am 28. September 1997 an der Urne Nein zur Landsgemeinde. Diese stand 1997 auf dem Höhepunkt, was ihre Machtfülle anbelangt. Ihr Sturz kam auch deshalb für viele überraschend.

Guido Berlinger-Bolt
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Ausserrhoden. Nach vierhundert Jahren war die Ausserrhoder Landsgemeinde längst mehr als nur Politik und politisches Recht; sie war Tradition und Brauchtum und der Landsgemeindesonntag ein Feiertag geworden. Nachdem sie im Verlauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunächst mehrfach neue Kompetenzen erhielt, erschütterten in den 1990er-Jahren vorab zwei Ereignisse die Institution. Die Stichworte dazu: Frauenstimmrecht und Kantonalbank-Debakel.

Am 28. September 1997 erteilte eine deutliche Mehrheit der Landsgemeinde an der Urne eine Absage. «Betretene Gesichter im Regierungsgebäude von Herisau», schrieb der «Bund». Und die «Tribune de Genève»: «Tant pis pour l'image de la démocratie, et tant mieux pour sa réalité.» – Etwa: Schade um das Bild von Demokratie, aber umso besser für deren Realität. «Verkehrte Appenzeller Welt», schrieb das Tagblatt.

Ende auf dem Höhepunkt

1965 und 1972 stärkte das rein männliche Stimmvolk die Landsgemeinde mit zusätzlichen Finanzkompetenzen; ebenfalls 1972 erhielten die Frauen auf kommunaler Ebene das Wahl- und Stimmrecht. Am 30. April 1989 dann führten die Ausserrhoder Männer das Frauenstimmrecht auch auf kantonaler Ebene ein und stimmten einer Übergangsbestimmung zu, welche bis 1993 einen Entscheid der Landsgemeinde über deren Abschaffung oder Fortbestand verlangte. 1993 stimmten dann die Frauen und Männer im Ring für die Beibehaltung der Landsgemeinde.

Gleichzeitig lief die Totalrevision der Kantonsverfassung an, die zwei Jahre später angenommen wurde. Mit diesen Entscheiden war die Institution Landsgemeinde auf dem Höhepunkt ihrer Machtfülle angekommen, wählte erst- und letztmals auch den Ständerat (Hans-Rudolf Merz). Wir befinden uns im Jahr 1997, dem Jahr der Entscheidung.

Eine solche nämlich wurde von vielen erzwungen, von traditionellen Gegnerinnen und Gegnern, die der Landsgemeinde die heute wieder gehörten Mängel vorwarfen, als da sind: Ungenauigkeit im Resultat, Offenheit der Stimmabgabe und die eingeschränkte Teilnahmemöglichkeit. Daneben sagten die kleinen Parteien (darunter SVP und SP) Nein zur Landsgemeinde (die CVP beschloss Stimmfreigabe). Traditionalistische Männer gifteten gegen die Veränderungen im Zuge der Integration der Frauen in die politische Mitbestimmung.

Und schliesslich verstanden viele nicht, weshalb niemand für das Kantonalbank-Debakel zur Rechenschaft gezogen wurde.

«Viele Jäger sind des Hasen Tod», sollte die an derselben Landsgemeinde zur Frau Landammann gewählte Marianne Kleiner nach Bekanntwerden des Wahlausgangs sagen.

Dankbarkeit um Deutlichkeit

54 Prozent der Stimmberechtigten stimmten der Abschaffung der Landsgemeinde zu; 61 Prozent betrug die Stimmbeteiligung – an einem solchen Resultat gab es nichts mehr zu deuteln.

Und das mochte für die Landsgemeinde selbst das Beste sein. Verloren hatte der Regierungsrat, der für die Beibehaltung der Landsgemeinde war; verloren hatten auch der Kantonsrat und die damals noch staatstragende FDP. Vielleicht deshalb war die Überraschung allenthalben gross.