«Viele möchten sich nicht exponieren»: Die Appenzeller Gemeinden und Bezirke werden nur selten von Frauen geführt

Frauen in höheren politischen Ämtern sind im Appenzellerland eine Seltenheit: In Ausserrhoden gibt es bei 20 Gemeinden insgesamt vier Gemeindepräsidentinnen. Von 29 Innerrhoder Bezirksräten sind gerade einmal drei weiblich.

Astrid Zysset
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Immer noch eher selten: Frauen in höheren politischen Ämtern.

Immer noch eher selten: Frauen in höheren politischen Ämtern.

Bild: Esther Michel

16 Prozent der Gemeindepräsidien in der Schweiz sind in weiblicher Hand. Zu wenig, findet Bundesrätin Simonetta Sommaruga und forderte unlängst öffentlich, dass mehr Frauen den Weg in die Politik finden sollen.

In Ausserrhoden gibt es bei 20 Gemeinden insgesamt vier Gemeindepräsidentinnen. In Hundwil ist seit dem Jahr 2011 Margrit Müller-Schoch an der Führungsspitze, und seit 2015 steht Edith Beeler der Gemeinde Wald vor. Im selben Jahr trat Katharina Zwicker die Nachfolge von Erika Streuli in Grub an. Ebenfalls 2015 wurde schliesslich Dorothea Altherr Gemeindepräsidentin von Trogen.

Gemischte Gremien als Wunschszenario

Dass es verhältnismässig wenige Frauen gibt, welche in Ausserrhoden die Führung einer Gemeinde zu ihren Aufgaben zählen, ist auch Margrit Müller-Schoch aufgefallen. Sie ist die dienstälteste Gemeindepräsidentin im Kanton – und die erste Frau an der Spitze Hundwils überhaupt. Wie sie betont, habe sie aber nie Negatives im Wahlkampf oder während ihrer mittlerweile neunjährigen Amtszeit aufgrund ihres Geschlechts erlebt. «Bei uns im Dorf ist es wichtiger, dass man vernetzt ist und sich mit Herzblut für sein Amt einsetzt», sagt Müller-Schoch.

Warum so wenige Frauen den Weg in die Politik finden, kann sich Hundwils Gemeindepräsidentin darum auch nicht erklären. Sie selbst habe die Politik nie aktiv gesucht. Nachdem ihre Kinder flügge geworden waren, wollte sie eher Abschied vom Gemeinderat/Schulpräsidium nehmen, das sie bis dato innehatte. Als dann die Anfrage kam, ob sie fürs Gemeindepräsidium kandidieren wolle, sagte Müller-Schoch zu; dies anstelle eines Wiedereinstiegs ins Berufsleben. Würde sie sich denn wünschen, dass mehr Frauen den Weg in die Politik finden? Es sei immer gut, wenn sich auch Frauen engagieren, sagt sie.

«Entscheidend und wichtig finde ich jedoch, dass Gremien mit Männern wie auch Frauen besetzt sind. Eine Frau kann teilweise andere Sichtweisen einbringen, was wiederum einer optimalen Entscheidungsfindung dienlich ist.»

Grub ist schon lange in der Hand einer Frau

«Ich weiss nicht, wie hoch der prozentuale Anteil an Gemeindepräsidentinnen in anderen Kantonen ist, aber in Ausserrhoden ist es definitiv so, dass Frauen in höheren Exekutivämtern untervertreten sind», sagt Grubs Gemeindepräsidentin Katharina Zwicker. Einen Grund, warum dies so ist, glaubt sie zu kennen. Es liegt daran, dass sich Frauen ein solches Amt schlichtweg nicht zutrauen und bei einer Kandidatur zögern würden. Vor dem Amtsantritt Zwickers hatte bereits eine Frau die Gemeindeführung in Grub inne – Erika Streuli stand der Vorderländer Gemeinde zwölf Jahre lang vor.

Auch im Gemeinderat stellt heute Grub mit drei weiblichen Mitgliedern im sechsköpfigen Rat einen der höchsten Frauenanteile im Kanton. Doch warum bildet Grub hier eine Ausnahme? «Ich würde es nicht als Ausnahme bezeichnen», sagt Zwicker. Letztlich komme es darauf an, wer sich bei einer Vakanz zur Verfügung stellt. «Und bei uns waren es in der Vergangenheit mehrheitlich die Frauen, die wir für eine Kandidatur gewinnen konnten. Warum auch immer.» Sie selbst habe als Gemeindepräsidentin nie den Eindruck gehabt, benachteiligt zu sein oder mehr leisten zu müssen als ein Mann.

Katharina Zwicker kann Frauen also nur ermutigen, sich politisch zu betätigen. «Schliesslich stellen wir Frauen etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung», fügt sie an. Aber vor allem erachtet sie es als wichtig, dass ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in den Gremien bestehe. Dies zeigten ihre Erfahrungen, die sie im Gemeinderat Grub machte.

Viel Wohlwollen wurde entgegengebracht

Lydia Hörler-Koller, regierende Frau Hauptmann Bezirk Appenzell

Lydia Hörler-Koller, regierende Frau Hauptmann Bezirk Appenzell

Bild: PD

Einzige regierende Frau Hauptmann in Appenzell Innerrhoden ist Lydia Hörler-Koller. Seit 2008 steht sie dem Bezirk Appenzell vor. Im Bezirk Schwende hatte es bereits früher eine Frau an die Spitze geschafft, im Bezirk Appenzell ist Lydia Hörler-Koller die erste. Die Führung der Bezirke ist in Appenzell Innerrhoden ohnehin meist in Männerhand; auch sind von insgesamt 29 Bezirksräten gerade mal drei weiblich. Hörler-Koller kann nur mutmassen, warum weibliche Politikerinnen in Innerrhoden dermassen untervertreten sind. Als mögliche Erläuterung führt sie an, dass die Einführung des Frauenstimmrechts respektive das politische Aktivsein der Frauen noch nicht so lange zurückliegt. Und ergänzt:

«Viele möchten sich nicht exponieren.»

Das würde erklären, warum im Grossen Rat der Frauenanteil verhältnismässig hoch ist im Gegensatz zum Bezirksrat. Auch für Schul- und Kirchenrat würden sich Frauen eher zur Verfügung stellen. Hörler-Koller betont, dass sie nie negative Erfahrungen in ihrer Politkarriere gemacht habe aufgrund dessen, dass sie eine Frau ist. Im Gegenteil:

«Bei repräsentativen Aufgaben wurde mir sehr viel Wohlwollen entgegengebracht. Oftmals wurde mir gesagt, dass es geschätzt werde, dass eine Frau dem Bezirk vorsteht.»

Viele hätten das Appenzell gar nicht zugetraut, sagt Hörler-Koller und lacht. Ihre politische Laufbahn begann sie im Grossen Rat. In den Bezirksrat zu wechseln, sei eine bewusste Entscheidung gewesen, um neue Erfahrungen zu sammeln, gibt sie an. Eine Entscheidung, die sie bis heute nie bereut habe. Nun allerdings hat sie auf die kommende Bezirksgemeinde hin ihren Rücktritt eingereicht. Sie ist seit 2003 im Grossen Rat, seit 2005 Mitglied des Bezirksrates und wird per Anfang Mai 2020 zwölf Jahre als Frau Hauptmann erreicht haben. Ebenso hat Petra Dörig ihr Gesuch um Entlassung aus dem Bezirksrat Appenzell eingereicht. Hörler-Koller hofft, dass sich auch Frauen um die Nachfolgen bewerben.

«Frauen bringen neue Sichtweisen in die politische Entscheidungsfindung. Das macht weibliche Politikerinnen so wertvoll.»