Verena Früh-Steinmann, 1934 bis 2017

Zum Gedenken

Arthur Oehler
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Sonntag, der 17. Juni 1973: Verena Früh-Steinmann wird nach der Einführung des Frauenstimmrechts auf Gemeindeebene mit 375 von 704 abgegebenen Stimmen als erste Frau in den Gemeinderat von Heiden gewählt. Die Wahl einer Frau ist in dieser Zeit alles andere als selbstverständlich. Dies umso mehr, als sich auch drei Männer um den elften Sitz im Rat bewerben. Doch Verena Früh geniesst hohe Akzeptanz in der Bevölkerung; zudem ist sie als Mitarbeiterin ihres Gatten in der Tierarztpraxis und als Mitglied mehrerer Vereine, zum Beispiel des Landfrauenvereins, in der Gemeinde gut bekannt. Die Ratsherren haben im Vorfeld der ersten Sitzung in der neuen Besetzung ein Problem: «Darf, soll man der Dame im Rat das Du anbieten, oder muss es beim Sie bleiben?» In der Rolle einer Pionierin, oder besser: einer Eisbrecherin, muss sie sich in einem von Männern dominierten Gremium – das Geschlechterverhältnis steht zehn zu eins! – durchsetzen. Und sie schafft das problemlos, dank schneller Einarbeitung in die Dossiers ihres Ressorts und die übergreifenden Geschäfte. Mit grossem Enga­gement präsidiert sie mehrere Kommissionen im sozialen (Pflegekinderkommission) und im Bildungsbereich (Kindergarten- und Arbeitsschulkommission). Sie übt das Amt einer Gemeinderätin bis 1979 aus.

Ab 1975 setzt sie sich in vorderster Front mit einer kleinen Aktionsgruppe für den Erhalt des ehemaligen Hotels Freihof ein. Der Gemeinderat, dem Verena Früh noch angehört, erteilt gegen ihren Rat und gegen ihre Stimme die Abbruchbewilligung. Doch nach sechsjährigem Kampf – inzwischen getragen vom Verein pro Freihof, dessen Vorstand ­Verena Früh angehört – gelingt die Rettung des Gebäudes: Das integral erhaltene klassizistische Dorfbild von nationaler Bedeutung wird von einer drohenden hässlichen «Zahnlücke» verschont!

Nicht zuletzt aufgrund ihres Einsatzes für den Freihof wird der 13. April 1991 ein weiterer wichtiger Tag im Leben von Verena Früh. Die Mitglieder des Heimatschutzes Appenzell Ausserrhoden wählen sie im Lindensaal, Teufen, «mit Applaus» als Nachfolgerin von Rosmarie Nüesch zum «Obmann» des Vereins, nachdem sie bereits seit 1984 dem Vorstand angehört hat. Die erste Amtshandlung der Neugewählten ist die Beseitigung der sprachlichen Unmöglichkeit, einer Frau eine männliche Amtsbezeichnung zuzuordnen. Sie nennt sich also «Obfrau», und diese Bezeichnung wird in Zukunft für Frauen beibehalten. Nach Erledigung dieser Formalie stürzt sich Verena Früh in die eigentliche Heimatschutz-Arbeit. Dabei kann sie sich auf ihren untrüglichen Sinn für das Stimmige, das Schöne und Gute, in diesem Zusammenhang das gute Bauen, die gute Architektur, verlassen. Sie ergreift die Initiative zur Gründung einer Ortsbildberatergruppe, bestehend aus mehreren Fachleuten, und übernimmt die Koordination. Die Begründung für die Schaffung der Ortsbildberatung liefert Verena Früh in einem Interview: «Weil mir die nötigen (Fach)Kenntnisse fehlten, wollte ich mich als Obfrau auf einen fachlichen Beirat abstützen. Die Erwartungen haben sich erfüllt – praktisch flächendeckend nimmt die Ortsbildberatung heute alle Baugesuche kritisch unter die Lupe, wobei vor allem auf gestalterische Kriterien geachtet wird. Die Ortsbildberatung sieht ihre Aufgabe nicht darin, etwas zu verhindern; sie macht vielmehr – wenn nötig – empfehlende Verbesserungsvorschläge.» Ihre Rolle in der Ortsbildberatung charakterisiert ein Vorstandsmitglied so: «Sie verstand es meisterhaft, die Ideen und Argumente der Fachleute zu sammeln, zu ordnen und zu formulieren. Die Berichte wirkten einerseits sehr professionell, andererseits auch allgemein verständlich.» Nach 17 Jahren Vorstandstätigkeit übergibt Verena Früh die Leitung des Heimatschutzes Appenzell Ausserrhoden 2001 an Esther Johnson. Rosmarie Nüesch qualifiziert die Führungsarbeit der Scheidenden kurz und treffend: «Verena Früh hat ihre Sache grossartig gemacht.»

Unzweifelhaft: Verena Früh-Steinmann ist eine öffentliche Person mit ihrem vielfältigen Wirken für die Allgemeinheit.

Privat – in ihrem grossen Freundeskreis ist sie «Vre» – zeigt sich ihr Leben indessen nicht minder facettenreich. Sie begleitet drei eigene Kinder – Ruedi, Lisa und Anna – sowie die Pflegtochter Josy ins Erwachsenenleben. Sie assistiert ihrem Gatten Urs, mit dem sie 1954 von beider Geburtsort Zumikon nach Heiden zieht, in der Tierarztpraxis. Sie wirkt als Ausbildnerin für Haushaltlehrtöchter. Und wer die Freude hat, an ihre gastliche Tafel geladen zu sein, lobt ihre Küche ohne Einschränkung! Geradezu legendär sind die zahlreichen Wanderungen mit befreundeten Familien samt Kindern und Hunden. Sie sind in Form filmischer Dokumente erhalten – Erinnerungsstücke der besonderen Art.

13. März 1980, Opernhaus Zürich: Nikolaus Harnoncourt dirigiert, Jean-Pierre Ponnelle inszeniert «Idomeneo» von Mozart. Verena Früh öffnet sich die Welt des (Musik)Theaters, die sie über Jahrzehnte faszinieren wird, sei es Oper, sei es Schauspiel. Musik ist jedoch schon längst Teil ihres Lebens, sowohl aktiv beim Klavierspiel wie passiv bei Konzertbesuchen. Wobei «passiv» die Sache nicht trifft; denn nach Konzert- und Theaterbesuchen entwickeln sich mit ihren Begleitpersonen regelmässig lebhafte Debatten über das Gehörte und Gesehene, die sich zu druckreifen Kritiken steigern können. Besonders, wenn Zeitgenössisches auf dem Programm steht – Verena Früh ist stets offen für Neues, auch Experimentelles –, kann es gern kontrovers werden. In den letzten Jahren konzentriert sich das kulturelle Interesse auf die exemplarische Aufführung von Bachs Kantatenwerk durch die J. S. Bach-Stiftung in Trogen. Am 16. März 2017 erfüllt sich für Verena Früh-Steinmann, was Heinrich Schütz im Rahmen der Musikalischen Exequien in Musik setzte: «Herr, nun lässest du deinen Diener (hier: deine Dienerin) in Frieden fahren.»

Arthur Oehler

redaktion@appenzellerzeitung.ch