VEREIN: Frauenchor Wattwil: Trotz Auflösung sind die Stimmen noch lange nicht verhallt

Ein Stück Geschichte ging kürzlich. Nach 131-jähriger Existenz löste sich der Frauenchor Wattwil auf. Die schönen Erinnerungen bleiben den Sängerinnen jedoch erhalten.

Noëlle Lee
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Die ehemalige Präsidentin Pia Gasser, Ursula Stähli, Regula Neukomm und Annemarie Looser (von links). (Bild: Noëlle Lee)

Die ehemalige Präsidentin Pia Gasser, Ursula Stähli, Regula Neukomm und Annemarie Looser (von links). (Bild: Noëlle Lee)

Noëlle Lee

noelle.lee@toggenburgmedien.ch

Die Stimmung ist heiter. Einige der Mitglieder des kürzlich aufgelösten Frauenchors Wattwil, die am längsten dabei waren, unterhalten sich munter. Es wird gelacht und in Erinnerungen geschwelgt. Doch im Gespräch wird klar, dass die Frauen noch nicht ganz mit der Auflösung des Vereins abgeschlossen haben. Überraschend ist dies aber nicht, schliesslich war der Verein lange fester Bestandteil ihres Lebens. Auf die Frage, ob sich die Auflösung schon länger ankündigte, antwortet die ehemalige Vereinspräsidentin Pia Gasser: «Das letzte Mitglied trat vor drei Jahren bei, danach gab es keinen Neuzuwachs mehr, obwohl wir Schnupperproben anboten und die Werbetrommel rührten.»

Die fehlenden Mitglieder waren aber nicht das Hauptproblem, erklären die Frauen. Hätte es nur daran gelegen, hätten sie trotzdem versucht weiterzumachen. «Was uns wirklich das Genick brach, waren die fehlenden finanziellen Mittel», sagt Annemarie Looser. «Denn weniger Mitglieder führen unweigerlich auch zu weniger finanziellen Beiträgen.» Mit einem Schulterzucken ergänzt Regula Neukomm: «Und von der Gemeinde gibt es ja nichts für Vereine wie uns.»

Doch es ist mehr als nur die Tatsache, dass ein Stück Geschichte endet, welche die Frauen enttäuscht. Sie sind auch unzufrieden, weil sie ihren kulturellen und sozialen Auftrag als Verein nicht mehr, wie all die Jahre zuvor, erfüllen können.

Gut für den Körper und die Seele

Doch es soll nicht zu lange von Betrüblichem geredet werden. Viel lieber erzählen die Frauen von all den schönen Erinnerungen, welche sich während ihrer langen Zeit im Frauenchor Wattwil angesammelt haben. Regula Neukomm trat bereits 1960 dem Verein bei, und mit ihren 58 Jahren Mitgliedschaft weiss sie um die Veränderungen, die der Frauenchor Wattwil in seinem langen Bestand durchmachte. «Früher war der Frauenchor noch ein Upper-Class-Verein. Ich trug immer meine Sonntagskleider für die Proben und man sprach einander mit ‹Sie› an.»

Der Chor wurde 1887 von Frauen aus der Gemeinde gegründet, die ihre Zeit gerne mit Musizieren verbrachten. Dies trifft auch auf die jetzige Generation von Sängerinnen zu. Annemarie Looser sang bereits in ihrer Kindheit im Jugendchor und in Ursula Stählis Haus wurde während Hausarbeiten des Öfteren ein Liedchen geträllert. Da lag der Beitritt in den Frauenchor Wattwil natürlich nahe.

Was denn genau so schön am Singen ist, das erklären die Frauen gerne. «Mir gefällt einfach das Gesamtpaket. Es tut dem Körper und der Seele gut», schwärmt Annemarie Looser und die anderen Frauen nicken zustimmend. «Es ist entspannend, wenn man während der Probe alle Emotionen rauslassen kann. Danach ist man immer viel glücklicher», fügt Ursula Stähli hinzu. Deshalb habe ihnen das Singen im Frauenchor auch so gut gefallen. Bei der wöchentlichen Probe hätten sie stets Spass gehabt und die verschiedensten Lieder gesungen. Welche, wurde natürlich demokratisch bestimmt. Auch der anschliessende Beizenbesuch wird den Frauen in guter Erinnerung bleiben.

«Der erste Fünfliber vom Kondukteur»

Witzige und aufregende Geschichten haben die Frauen genügend zu erzählen. Sie berichten von diversen Sängerfesten und Unterhaltungsabenden, von Tombolaverlosungen, bei denen sie wochenlang von Haus zu Haus wanderten, den nervösen Minuten vor den Auftritten und vielem mehr. Es ist offensichtlich: Unter den Sängerinnen haben sich enge Freundschaften entwickelt, und sie haben einiges miteinander erlebt.

Besonders in Erinnerung blieben ihnen das 100-Jahr-Jubiläum des Vereins und das erste eidgenössische Sängerfest, an dem sie teilnahmen. Stolz erzählen die Frauen auch, wie es dazu kam, dass sie, als einer der wenigen Frauenchöre, eine Vereinsfahne hatten. «Auf der Heimreise vom eidgenössischen Sängerfest sassen wir im Zug und beschlossen uns eine Fahne zu kaufen. Da kam der Kondukteur zu uns und spendete gleich den ersten Fünfliber», erinnert sich Ursula Stähli lachend.

Auch nach der Auflösung des Frauenchors behalten die ehemaligen Mitglieder Kontakt. Jeden ersten Dienstag im Monat wollen sie sich treffen und die Kameradschaft, die sich gebildet hat, aufrechterhalten. Für diesen Anlass wurde auch bereits ein Gruppenchat eröffnet. Mit Hilfe der Töchter wird lachend hinzugefügt. Und mit dem Singen ist es auch nicht zu Ende. «Momentan geniessen wir den freien Abend, doch ein Projektchor könnte zum Thema werden.»